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08. November 2014

TIPP DES MONATS

  1. - Foto: Bettina Schulte-Böning

  2. - Foto: Bettina Schulte-Böning

  3. - Foto: Bettina Schulte-Böning

Drogen, Lügen, Stimmen

Ela Angerer: Bis ich 21 war. Roman. Deuticke Verlag, Wien 2014.189
Seiten, 18,90 Euro.

Die Mutter wollte sie gar nicht erst haben, der Vater findet sie nach der Geburt hässlich wie einen Affen, mit sieben hat sie einen frühen Flirt mit dem Tod: Was wird aus so einem Kind? Mit Glück eine Autorin wie Ela Angerer, die sich hinsetzt und jene unglückliche Zeit, bis sie 21 war, zu einem autobiographischen Roman verarbeitet und das Kunststück fertigbringt, gleichermaßen sachlich und poetisch zu sein. Schwebend fast reiht sich in teils schaurigen Episoden, was sie durchgemacht hat: der zudringliche Großvater, die Drogen, die Lügen, die drangsalierenden Stimmen im Kopf, der Sex als Probe und Protest, die Psychopharmaka: wer sich ungeliebt fühlt, riskiert einiges auf der Suche nach Zuneigung und Anerkennung. Die immer auch, wie Angerer zeigt, eine Suche ist nach dem eigenen Ich. Bier, Hund, Hamburg

Jens Eisel: Hafenlichter. Stories. Piper Verlag, München 2014. 137 Seiten, 16,99 Euro.

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Sie haben handfeste Berufe, gradlinige Namen wie Franz, Karl oder Frank und überschaubare Träume, die in Richtung Tätowierladen oder Kleinfamilie gehen: Ihre Zukunft scheint eine überschaubare Sache. Wäre da nicht das Leben, das ihnen in die Quere kommt. Und dann landen sie, weil sie mehr schlagkräftiges Mitgefühl für den geschundenen Hund an den Tag legen als für seinen Schinder, doch wieder im Knast. Der Tresen, Zigaretten, Boxkämpfe, Bier, Hunde, Hamburg, der Hafen: Das sind die Fixpunkte in diesen sachten, sparsamen Geschichten. Eisel macht um Worte nicht viel Gewese. Er setzt sie ganz pragmatisch ein, um zu sagen, was er zu sagen hat. Oder zu verschweigen: Oft lässt er Lücken zwischen den Sätzen und ungemütliche Stillen, in denen das Unausgesprochene umso beredter ist. Ritalin, Xanax, Flexeril

Tao Lin: Taipeh. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stepahn Kleiner. DuMont Verlag, Köln 2014. 285 Seiten, 19,99 Euro.

Percocet, Tylenol, Oxycodon, Adderall, Seroquel, Ritalin, Ambien, Psilocybin, Xanax, Flexeril, Benzodiazepin: Das sind nur elf der Substanzen, die Paul, Mitte Zwanzig, und Konsorten unentwegt einwerfen, um am Ball zu bleiben, Leute auf Partys zu treffen, zu verlassen oder zufällig zu heiraten. Eine Existenz zwischen Drogen und Internet, in der Langeweile und Depressionen ihren festen Platz haben und das Sterben so bedeutungslos ist "wie stricken oder Backgammon spielen". Die Wirklichkeit der Computerkinder hat sich ins Virtuelle verschoben: Erst in ihrer Reduktion auf Nullen und Einsen wird ihre Welt real. Mit "Taipeh" hat Tao Lin auf vernichtend klare Art eine neue Lost Generation erschaffen, verloren für das Leben jenseits des Netzes und der chemischen Bewusstseinsveränderungen.

Autor: Ingrid Mylo