Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
29. Oktober 2011
Verkauft und vergewaltigt
Craig Thompsons opulente Graphic Novel "Habibi" versucht, dem Trauma männlicher Schuld zu begegnen /.
Als die Dürre das Land ausgetrocknet hatte, da verkauften mich meine Eltern als Braut." In einer staubigen Lehmhütte schließt Dodolas Vater, ein einfacher Bauer im arabischen Wanatolien, den Handel mit dem Schreiber ab. Besorgt fragt der künftige Gemahl des Kindes: "Ist sie alt genug für...?" Verscherbelt, geraubt, vergewaltigt. Später landet Dodola im Harem und im Kerker. Trost spenden ihr nur Geschichten und die Gedanken an Zam, ihren Schützling, von dem sie getrennt wurde. Er, der Waise, schlägt sich als Tagelöhner durch, bevor er sich kastrieren lässt, weil er sich unrein fühlt. Zam wird zu Hamera.
Der opulente Comic "Habibi" (arabisch für "mein Geliebter") erspart seinen Hauptfiguren nichts. Über mehr als 650 schwarzweiße Seiten verfolgt Autor Craig Thompson, wie das Schicksal Dodola und Zam beutelt, bis sie wieder zueinander finden. Räuber überfallen den Schreiber und entführen Dodola. Sie nimmt, gerade vom Sklavenmarkt geflohen, das Baby Zam an sich. Versteckt in einer Karawane stoßen sie in der Wüste auf ein hölzernes Boot. Neun Jahre wird es ihr Zuhause sein. Neun Jahre wird Dodola Zam erziehen, ihn arabische Schriftzeichen lehren, ihm Geschichten erzählen. Aus dem Koran, der Bibel, den Hadithen – traditionellen Überlieferungen über den Propheten Mohammed – und aus der Scheherazade. Neun Jahre und 1001 Geschichten, die Dodola und Zam aneinanderschweißen in Glück, Entbehrung und Verzweiflung: Um sie durchzufüttern, verkauft sich Dodola – anfangs unbemerkt von Zam – an vorbeiziehende Händler.
Werbung
Seinen ersten großen Erfolg feierte Thompson 2003 mit dem autobiographischen "Blankets". Darin befreit sich Hauptdarsteller Craig aus den Fesseln seiner streng christlichen, sexuell verklemmten Erziehung. Damit kämpft Thompson noch immer. Er habe lange lernen müssen, sich als Mann zu akzeptieren, sagte er in einem Interview: ",Habibi’" spiegelt meine männliche Schuld und Weltsicht wieder. Ich wuchs damit auf, von meinesgleichen angewidert zu sein." Er nimmt seinem Trauma an Schwere, indem er es in eine fantastische Märchenkulisse einbettet. Unvermittelt prallt Altertümliches auf Neuzeitliches. Thompson pflanzt einen Staudamm in die Wüste, obwohl im Sultanspalast kein elektrisches Gerät existiert. "Habibi" dreht sich für ihn um die enge Verbindung von Sexualität mit Religion und darum, "aus der Dunkelheit mit Hoffnung hervorzugehen".
Thompsons Figuren sind Getriebene, Suchende. Er schickt sie durch eine verflochtene Erzählung voll dramatischer Episoden. Ihren Fluss brechen fortwährend Rückblenden und Geschichten. Wunderschöne Muster füllen brillante Schmuckseiten. Der 36-jährige Amerikaner, der sechs Jahre an "Habibi" gearbeitet hat, ist stilistisch gereift. Er baut noch Ausflüge in die arabische Kalligraphie ein. Künstlerisch eindruckvoll wandeln sich Flüsse und Bäume zu Schriftzügen, Schriftzeichen zu Tieren. "Kalligraphie ist Musik für die Augen", findet Thompson und macht sie dazu.
Sicher hat "Habibi" Schwächen: Thompson überfrachtet sein gewaltiges Werk. Er bemüht orientalische Klischees. Die Persönlichkeiten von Dodola und Zam bleiben schwach, obwohl Thompson sie mit Einfühlung darstellt. Er huscht an brisanten Themen vorbei – Zwangsheirat, Sklavenhaltung, Umweltzerstörung, Tradition und Moderne. Sie als Staffage einzusetzen, wirkt sorglos und lädt "Habibi" nur scheinbar mit Bedeutung auf. Dabei zeigt Thompson ein eher naives Interesse an den religiösen Wurzeln arabischer Kultur und Schrift, als den zu werten. Dazu ist er offenbar zu sehr gefangen in seiner "männlichen Schuld". Als Gleichnis oder Kommentar versagt sein Opus. Umso mehr begeistert "Habibi" als Märchen und künstlerisch überzeugende Graphic Novel, als Bildererzählung von großer Kraft und Schönheit: Eine berührende Geschichte über Geschichten, gemeinsame Wurzeln von Islam und Christentum – und vor allem über die Liebe.
– Craig Thompson: Habibi. Aus dem Amerikanischen von Stefan Prehn und Matthias Wieland, Reprodukt Verlag, Berlin. 672 Seiten, 39 Euro.
Autor: Jürgen Schickinger
