Was machen die da?

wog

Von wog

Sa, 25. Mai 2013

Literatur

Oliver Kerns Deutschlandbilder.

Sanfte Hügel mit saftig grünen Wiesen ziehen sich bis zum Horizont. Im warmen Abendlicht hält ein Radfahrer am Wegesrand und genießt den Blick in die Ferne. Pause. Eine Idylle irgendwo im westlichen Allgäu. Ganz schön grün ist die Wiese auch im flachen Land, in der Nähe von Hamm-Uentrop. Doch am Horizont wabert ein üppiges Dampfgebräu in den grauen Nachmittagshimmel – es kommt aus dem mächtigen Kühlturm des nahegelegenen KKW.

Es sind die normalen, oft banalen Szenen, die Oliver Kern (Jahrgang 1966) bei seinen Fahrten durch die Republik mit der Kamera eingefangen hat. Flüchtige Begegnungen mit Menschen und seltsamen Orten. "Deutsche Aussichten" nennt Kern die Fotos, die er in rund zehn Jahren gesammelt hat.

Es sind Bilder aus der Heimat, wie jeder sie kennt. Und doch haben Kerns Fotos etwas Zeitloses, etwas Atmosphärisches – die Bewegung scheint eingefroren, es gibt Stillstand. Etwa dann, wenn ein halbwüchsiger Junge von einer alten Stahlbrücke aus gut zehn Metern Höhe in den Dortmund-Ems-Kanal springt.

Gewitterstimmung am Seddiner See bei Berlin: Zwei Männer kämpfen gegen die Wellen und retten sich mit einem Ruderboot an Land. Ein kurioses Szenario. Nicht minder komisch: Ganz oben auf dem Plateau der Zugspitze in den Bayerischen Alpen läuft einsam ein Mann über ein graues Schneefeld den Berg hinauf. Im Vordergrund stehen rot leuchtende Pistenraupen. Was macht der da? Es bleibt sein Geheimnis. Kerns Fotos stellen Fragen. Und zeigen die deutsche Heimat zwischen Bodensee und entlegener Ostseeküste auch einmal in einem ganz anderen Licht. Heimat, neu definiert – eine facettenreiche Reise durch ein bekannt-unbekanntes Land.
– Oliver Kern: Die deutsche Aussicht. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2013. 144 Seiten, 80 Fotos, 29,80 Euro.