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25. Januar 2012
Was möglich ist, wird gemacht
In Patricia Cornwells neuem Roman "Bastard" werden apokalyptische Visionen Wirklichkeit.
Bei Patricia Cornwell muss man immer mit mehr rechnen: Die Kriminalromane, die sie schreibt, sind nur ein Vehikel, um ganz andere Dinge zu transportieren. Das, was ihr Angst macht. Das, was ihr ein Dorn im Auge ist: die Mächtigen und ihre üblen Machenschaften, korrupte Politiker, Polizisten, die sich von Verbrechern nicht groß unterscheiden, Agenten, die über Leichen gehen. Und nicht alles davon ist Fiktion. Schon lange, bevor es dann offiziell ruchbar wurde, hat Cornwell in einem ihrer Krimis aufgedeckt, dass der amerikanische Geheimdienst eine nicht unwesentliche Rolle bei dem Flugzeugabsturz von Lockerbie gespielt hat.
Insiderwissen, Geheimnisverrat: Vor Jahren musste sich die Autorin deshalb vor einem amerikanischen Gericht verantworten. Sie war, vielleicht ist sie es noch, damals mit einer Frau liiert, die beim FBI arbeitete. Was ihren Ex-Mann so aufbrachte, dass er mit der Waffe in eine Kirche stürmte und einen Priester als Geisel nahm. Um seine Frau zurückzubekommen. Wann hört das Leben auf, sich vom Roman zu unterscheiden? Und wie färbt, was die Bundesbehörden womöglich mit Patricia Cornwell veranstaltet haben, auf ihre Phantasie ab? So, wie sie schreibt: Das hat was von Paranoia. Und es ist nicht die Paranoia der erfundenen Figur: Cornwells Heldin ihrer fast zwanzig Thriller, die Forensikerin Dr. Kay Scarpetta, wittert die Garstigkeiten nicht, von denen Cornwell weiß: Intrigen überall, Verschwörungen, selbst die Vertrauten hintergehen sie. Mindestens ihre Stellung ist immer in Gefahr, manchmal ihr Leben. Wo Institute wie das – real existierende – DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency = Institut für Neuentwicklung in der Rüstungsforschung) ins Spiel kommen, ist das möglicherweise kein aus der Luft gegriffenes Szenario.
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Patricia Cornwell, das zeigt ihr neuer Roman "Bastard" deutlich, ist weniger als je zuvor an sowas wie Handlung interessiert: Die geschieht vor allem in Gesprächen. Die Figuren reden darüber, was passiert und wie es zu interpretieren ist. Der Tote, der erst zu bluten beginnt, nachdem er im gerichtsmedizinischen Institut liegt. Der sechsjährige Junge, dem jemand Stahlnägel in den Kopf geschlagen hat. Der Flügel eines künstlichen Insekts, der sich als Vorbote der Apokalypse entpuppt. Text statt Tat: Was Cornwell verkündet, wovor sie warnt, ist so ungeheuerlich, dass es als Ereignis nicht mehr darstellbar ist. Der Horror wird in ihrer Vorstellung verhandelt. Fliegen, die keine sind, sondern Miniaturroboter, die alles, was hörbar und sichtbar ist, sammeln und weiterleiten. Nanosprengstoffe, die im menschlichen Körper tödliche Viren und Gifte freisetzen. "Heutzutage", heißt es in dem Roman, "ist fast alles möglich, was du dir vorstellen kannst." Und was möglich ist, wird auch angewandt. Das steht schon bei Günther Anders.
In seinem 1956 erschienenen Werk "Die Antiquiertheit des Menschen" hat der Philosoph in Bezug auf die Atombombe gesagt, dass "das Mögliche durchweg das Verbindliche, das Gekonnte durchweg das Gesollte ist". Selbst wenn es zum Untergang führt. Die in "Bastard" "beschriebenen forensischen Methoden und auch die Waffen" gibt es bereits, in diesem Augenblick, "während Sie diese Zeilen lesen", merkt Cornwell am Ende ihres Romans an. Sie kommen mit Sicherheit zum Einsatz. Niederländische Biologen haben unlängst ein leicht übertragbares Vogelgrippevirus gezüchtet, das hoch tödlich ist. Während in den USA noch darüber gestritten wird, ob die Ergebnisse veröffentlicht werden, haben die Forscher inzwischen ihre Arbeit niedergelegt. Zu spät. Andere Wissenschaftler sind der Meinung, diese Experimente hätten nie gemacht werden dürfen.
– Patricia Cornwell: Bastard. Roman. Aus dem Amerikanischen von Karin Dufner. Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2011. 510 Seiten, 24,99 Euro.
Autor: Ingrid Mylo


