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28. Januar 2012
Was vom Dorf übrig bleibt
SACHBUCH:Der Humangeograph Gerhard Henkel hat eine Geschichte des Landlebens geschrieben.
Die Geschichte kennt die Landflucht – die große Binnenwanderung aus den Dörfern in die Zentren des wirtschaftlichen Lebens. Doch angesichts der weit verbreiteten Liebe zum Dorf, zur Idylle des ländlichen Daseins, scheint es so, als seien die neuen Städter nie dort angekommen – als hielten sie es nur aus mit der Idee des intakten Dorfes. Diese Sehnsucht, mehr oder weniger sentimental ausgeprägt, hat zu verklärten Bildern geführt, denen das Dorf wohl selten in der Realität entsprochen hat.
Gerade in seiner gesellschaftlichen Dimension kann Dorf beides sein: sozialer Zusammenhang und soziale Kontrolle, Geborgenheit und Gefängnis. Nun erwartet man von einem Wissenschaftler, der sich mit dem Dorf befasst, den nüchternen Blick. Gerhard Henkel ist Humangeograph und als solcher in Essen, also einer Stadt, zuhause. Aber emotional ist Henkel unverkennbar auf dem Dorf beheimatet. Sein Buch "Das Dorf" bietet ein vielfältiges Spektrum an Gesichtspunkten zur Geschichte und Gegenwart des dörflichen Lebens. Er klammert kritische Aspekte nicht aus – und dennoch durchzieht Sympathie, gespeist aus Jugenderinnerungen, aber offenkundig nicht widerlegt durch aktuelle Beobachtungen, seine Darstellung.
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Am deutlichsten wird dies, wenn er ausführlich die dörfliche Ökonomie beschreibt, aber weitgehend unterschlägt, dass die kennzeichnendste Wirtschaftsform, nämlich die des Bauern, in hohem Maße auf Subventionen – heute nennt man dies gern Entgelt für landschaftspflegerische Maßnahmen – angewiesen ist oder in ihrer Produktion von der Politik vor globaler Konkurrenz geschützt wird. Ein echter Städter wie der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler kann angesichts der deutschen und europäischen Agrarpolitik richtig in Wallung geraten. Henkel hingegen geht mit aller Freundlichkeit darüber hinweg.
Stattdessen zeichnet er, unterstützt von einer Vielzahl attraktiver Illustrationen, ein breites Bild des kulturellen, politischen und sozialen Lebens auf dem Dorf. In dieser Beschreibung hat die Kirche ebenso Platz wie die Vereine, die Jagd wie die dörflichen Genossenschaften, die die Grundversorgung zu sichern versuchen. Die Bilanz des Rückblicks zeitigt freilich eher Verluste als Gewinne; auf der anderen Seite zehrt die Liebe zum Dorf von dem, was übrig geblieben ist, während ein positives Zukunftsbild fehlt – anders als für die ungeliebte Stadt.
Aber es ist ohnehin die Frage, ob der Gegensatz Land und Stadt überhaupt in dieser Konfrontation – abgelegene Regionen ausgenommen – noch tragfähig ist. Die Übergänge sind fließend geworden, weil die Zahl der Arbeitspendler stark zugenommen hat und damit die Demographie des Dorfes halbwegs rettet. Die dörfliche Wirtschaft ist aus diesem Grund häufig eine Sache der Frauen, was Henkel kaum in den Blick kommt, auch nicht die Folgen für die Dorfgesellschaft. Die verändert sich rapide – und passt nicht mehr in einen Gebäudebestand, der auf enge Nachbarschaft von Wohnen und Wirtschaften ausgerichtet ist. Selbst das Wohnhaus, das früher mehrere Generationen in einem Haus versammelt hat, passt nicht mehr zur Kleinfamilie.
Über solche Fragen hilft Henkel sein aufs Positive gerichteter Blick hinweg. Doch wer genau liest, wird feststellen: Es ist eher die Geschichte des Dorfes, auf die es laut Henkel "stolz" sein kann. Seine Zukunft dagegen ist immer noch eher Wunsch als konkreter Plan oder gar gesichertes Dasein.
– Gerhard Henkel: Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute. Theiss Verlag, Stuttgart 2011. 336 Seiten mit 350 Farbabbildungen, 39,95 Euro.
Autor: Wulf Rüskamp
