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15. November 2014

Zwei Außenseiter

Barbara Yelins Graphic Novel "Irmina" erzählt die von einem wahren Schicksal inspirierte Geschichte einer unmöglichen Liebe.

  1. Abschied für eine lange Zeit: Irmina und Howard Verlag Foto: Verlag

1934 hat Irmina große Träume. Die junge Deutsche geht nach London, um eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin zu machen. Sie will unabhängig sein, Geld verdienen, reisen, leben. Auf einer Party trifft sie Howard, einen Gaststudenten aus Barbados. Beide sind Außenseiter in England; sie als Fräulein aus Nazi-Deutschland, er als Dunkelhäutiger. Irmina und Howard kommen sich nahe. Sie erleben glückliche Momente in schwierigen Zeiten, denken an eine gemeinsame Zukunft. Geldnöte zwingen Irmina 1935, nach Deutschland zurückzukehren. Keine drei Jahre später heiratet sie einen Nazi. Sie wird Augen und Herz verschließen vor den Gräueltaten an den Juden.

Wie kann ein Mensch sich derart wandeln, fragt Barbara Yelin mit "Irmina". Ihr großartiger Comicroman um zerbrochene Ideale, Wegschauen und Schuld fußt auf Tagebüchern und Briefen ihrer Großmutter. Diese Grundlage hat Yelin durch andere zeitgemäße Lebensläufe, Filme und Zeitungen ergänzt – zu einem Frauenschicksal, das berührt und befremdet. Die junge Irmina will vorankommen in England. Auf das Getue um ihre Herkunft reagiert sie patzig: "Das sind nicht meine Deutschen!" Nur Howard behandelt sie wie eine normale Frau. Irmina beeindruckt seine zurückhaltende, kluge Art. Ihn beeindruckt ihre Stärke. "Du bist mutig", sagt Howard, nachdem sie sich lautstark empört hat, weil ein Engländer sich weigerte, im Kino neben dem "Darkie" zu sitzen.

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Zurück in Deutschland findet Irmina Arbeit als Übersetzerin im Berliner Kriegsministerium. Man sagt ihr eine Stelle im Londoner Konsulat zu. "Ich fühle mich dort frei! Kann tun und lassen, was ich will", verteidigt sie ihre Pläne vor Architekt und SS-Mitglied Gregor. Seinem Werben begegnet Irmina zurückhaltend. Wenig später platzt die Aussicht auf eine neue Fahrt nach England. Irmina borgt sich Geld, um trotzdem abreisen zu können. Da kommt einer ihrer Briefe an Howard zurück: "Unbekannt verzogen." Bis zu diesem Wendepunkt zeigt Yelin ihre Hauptfigur als sympathische, jungendlich-naive, leicht trotzige Frau. Die verlassen jetzt alle Hoffnung, Kraft und Mitgefühl. Seltsam ungerührt ignoriert Irmina alle Nazi-Verbrechen. Sie heiratet Georg. Sie bestärkt ihn sogar darin, Karriere zu machen, bis er an der Ostfront fällt. Diese Kehrtwendung deutet oder wertet Yelin nicht. Sie beobachtet den Umschwung intensiv und doch unbehaglich neutral. In einem Interview erklärte die Autorin, sie habe Irmina weder entschuldigen noch von vorneherein verurteilen wollen. Camille Benyamina und Eddy Simon verzichten ebenfalls auf Erklärungen. Auch ihr solider Comic "Violette Nozière, der verruchte Engel" handelt von einer jungen Frau in den 1930ern, allerdings in Paris. Den Stoff, der auf authentischen Begebenheiten basiert, hat Claude Chabrol 1978 verfilmt. Violettes Eltern verwöhnen und vergöttern ihre Tochter. Die leichtlebige Gelegenheitsprostituierte aber belügt sie und will ihre Eltern schließlich des Geldes wegen vergiften. Die schöne Kolorierung und der weiche Strich tragen über kleine grafische Schwächen hinweg. Die Erzählung bestürzt und macht ratlos: Sie zeichnet Violettes Charakter so schemenhaft, dass ihre Motive nebulös bleiben.

Das Leben schreibt

die besten Geschichten

Das Wesen von Barbara Yelins Irmina mag unergründlich wirken. Doch es birgt Tiefe, Widersprüche, Vielschichtigkeit – bietet Anhaltspunkte für Spekulationen. Ebenso überzeugt Yelins Grafik, ihr Gespür für Mimik, Motive und starke Sequenzen. Schattierungen, leichte Schnörkel und Schraffuren dämpfen Härte und Kühle ab. Zudem erzeugen sie Stimmung. Wie gut die 1977 in München geborene Künstlerin darin ist, hat sie in "Gift" bewiesen, dem Comic um die Mörderin Gesche Gottfried. Ihr neues Bravourstück "Irmina" profitiert noch davon, dass das Leben die besten Geschichten schreibt: Nach dem Krieg arbeitet Irmina verhärmt und gebeugt als Schulsekretärin in Stuttgart. Wie Yelins Großmutter erhält sie – fast 50 Jahre nachdem der Kontakt abbrach – 1983 überraschend eine Einladung nach Barbados, wo Howard inzwischen Gouverneur ist. Er lässt sie wie ein Staatsgast empfangen, hat seine Tochter nach der "mutigen Irmina" benannt. Auf Barbados begegnet Irmina ihrer Vergangenheit; deren Zauber freilich ist verloren. Sie erkennt, dass ihr nichts geblieben ist, keine Liebe, kein Glück, kein Stolz. Sie zählt die Tage bis zum Abflug.

– Barbara Yelin: Irmina. Reprodukt Verlag, Berlin 2014. 288 Seiten, 39 Euro.
C. Benyamina, E. Simon: Violette Nozière – Der verruchte Engel. Aus dem Französischen von Anja Kootz. Knesebeck Verlag, München 2014. 96 Seiten, 22 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger