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21. Mai 2016 00:00 Uhr

Literatur

"2084" von Boualem Sansal beschreibt eine theoretische Diktatur

In "2084" beschreibt der algerische Autor Boualem Sansal den Alltag in einer religiösen Diktatur. Sein Warnruf von jenseits des Mittelmeeres ist so ernst gemeint und zu nehmen wie "1984".

  1. Ein Gottesstaat mitten in der Wüste? Foto: Wolfgang Grabherr

  2. Boualem Sansal Foto: dpa

Wie so mancher Schriftsteller seines Landes könnte er bequem im Pariser Exil leben, wo er für fast alle seiner sieben Romane Preise erhielt. Doch Boualem Sansal (66) bleibt seiner Heimat treu; er wohnt unauffällig außerhalb der Hauptstadt Algier und trotzt der täglichen Gefahr durch Islamisten und Regimeschergen, die er nicht müde wird zu attackieren. Man sähe es ihm gar nicht an: Mit seinem weißen Pferdeschwanz, mit Nickelbrille und "buddhistischem Lächeln" (so ein Vertreter seines Verlags Gallimard) ähnelt Sansal eher einem weltentrückten Schamanen als einem hochpolitischen Alleinkämpfer.

Dabei ist sein neues Werk durchaus fatwaverdächtig. Eben auf Deutsch erschienen, beschreibt "2084" den erstickenden, infernalischen Alltag einer theokratischen Diktatur, mit der nur der Islam gemeint sein kann. Der Gottesstaat Abistan, wie ihn Sansal nennt, erinnert mit seinen endlosen Wüsten und Karawanen jedenfalls stark an Algerien. Im Namen von Yölah, des Allmächtigen, erfolgen Massenhinrichtungen und entstehen Vernichtungslager; organisiert werden sie von Abi, seinem Propheten, den niemand je erblickt hat. Umso präsenter ist Bigaye, hinter dem sich das Orwell’sche Pendant von Big Brother verbirgt: "Big Eye", das große Auge.

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Avistan: Ein orwellsches und kafkaeskes Universum

Dabei gibt es in Abistan seit dem Großen Heiligen Krieg gar keine Feinde mehr, weder äußere noch innere. "Und eines Tages, ohne irgendeine Ankündigung, verschwand das Wort Feind aus dem Sprachschatz", heißt es. "Feinde haben ist ein Zeichen von Schwäche, der Sieg ist total oder gar nicht."Und da Yölah noch größer ist als das Auge, ist sein Sieg notgedrungen total: Er reicht bis in die Köpfe, aus denen die Erinnerung verschwunden und durch die Unwissenheit ersetzt worden ist. Sogar der Zufall, auch ein potenzieller Feind jedes totalitären Systems, ist aus dem Reich verbannt. Denn Yölahs Reich kennt keine Grenzen.Vielmehr gilt: "Krieg ist Frieden; Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke." Und weiter: "Tod ist Leben, Lüge ist Wahrheit."

In diesem orwellschen und kafkaesken Universum spielt die Geschichte von Ati, eines jungen Mannes, der sein Alter nicht kennt, aber eine menschliche Fähigkeit bewahrt hat: Er kann zweifeln. Er zweifelt etwa, ob er häretische Nachbarn denunzieren sollte. Vor Gericht fragt ihn der Richter: "Würdest Du es uns sagen, wenn einer seine Pflicht nicht erfüllte? Erkläre ein wenig, würdest du ihm die gerechte Strafe zufügen?" Abi stammelt, ob das bedeute, den Nachbarn zu töten. Der Richter nickt streng: "Du hast gezögert... warum?"

Langatmig, bewusst monoton und nicht frei von Ungereimtheiten

Später besucht Ati ein "Ghetto", ein Dorf, in dem Menschen aus einer früheren Zeitrechnung leben. Fassungslos blickt er auf die Straßenverkäuferinnen, "erkennbar als menschliche Frauen und nicht als vorübergleitende Schatten, das heißt, sie trugen weder Masken noch Burniqabs und erkennbar keine Bandagen unter ihren Blusen". Zitternd sieht Ati: Diese Frauen singen bei der Arbeit, sie schwatzen in der Pause und sonnen sich in der Sonne!

Über Umwege besucht Ati ein Museum des 20. Jahrhunderts, in dem die wildeste Szene auf einem Pappschild kurios erklärt ist: "Französisches Bistrot: Spitzbuben aller Art necken leichte Mädchen." Ati beginnt sich langsam zu fragen, ob Abistan wirklich grenzenlos sei, und entwickelt ein unbekanntes Gefühl – Hoffnung. Immer stärker hofft er, irgendwo eine Landesgrenze zu finden und sie überschreiten zu können.

Sansals Erzählung ist oft langatmig, bewusst monoton und nicht frei von Ungereimtheiten. Aber wie er in seiner "Vorwarnung" zu dem Buch schreibt: "Der Leser möge sich davor hüten, die Geschichte für wahr zu halten." Schließlich habe auch Orwells Vorbild "1984" nicht real existiert – "und wirklich keinen Grund, in Zukunft zu existieren". Deshalb gelte: "Schlaft ruhig, brave Leute, alles ist völlig falsch und der Rest ist unter Kontrolle."

In Wahrheit stellt sich der Leser unablässig die Kernfrage: Könnte eine religiöse Diktatur wie in "2084" aus dem heutigen Islam hervorgehen? Wohnt seinem lebensumspannenden Entwurf etwas Totalitäres inne?

Lob der Académie Française und von Houellebecq

Dass der Muslim Sansal sie bejaht, ist nicht neu: Er warnt davor seit seinem ersten Roman, "Der Schwur der Barbaren", bis zu seinem jüngsten Essay "Allahs Narren – Wie der Islam die Welt erobert". In einem Interview mit einem Pariser Radio betonte der unbeirrbare Algerier im Januar, er wolle mit seinem Werk nicht den Rechtsextremen Vorschub leisten: "Das ist nicht die Lösung." Lob erhielt der Algerier auch von der Académie Française, die ihm den Großen Preis verlieh – und von Michel Houellebecq, der in "Unterwerfung" selbst einen islamischen Wahlsieg in Frankreich beschrieben hat: Er bezeichnete "2084" als "plausibel".

Sansals Fiktion ist auf jeden Fall plausibler als Houellebecqs zwar viel unterhaltsamere, aber politisch unausgegorene Vision eines islamistischen Wahlsieg in Paris: Während diese schon daran scheitert, dass es die französischen – anders als die britischen – Moslems von Alibiausnahmen abgesehen gar nicht in die Spitzenpolitik schaffen, scheint ein totalitärer Gottesstaat wie Abistan eher denkbar. Zumindest in einem Land wie Algerien, das vom Kolonialismus über den Boumedienne-Sozialismus bis zur verkappten Militärherrschaft von heute nur immer unter der Knute lebte.

Um beim Vergleichen zu bleiben: Sansal unterlegt seinem Epos eine ähnliche Ironie wie Houellebecq – als könnte man sich dem Thema nur satirisch nähern. Eher ein Bericht als ein Roman, ist es schwerer verdaulich, auch weniger originell als Orwells Modell. Sein Warnruf von jenseits des Mittelmeeres ist aber so ernst gemeint und zu nehmen wie "1984". Und auch jetzt dürfen sich die Leser fragen, wie viel davon verwirklicht sein wird, wenn das ominöse Jahr erreicht sein wird. Antwort im Jahr 2084.

Boualem Sansal: 2084. Das Ende der Welt. Roman. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky. Merlin-Verlag, Gifkendorf 2016. 288 Seiten, 24 Euro.

Autor: brän