Aktueller denn je

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 18. November 2018

Literatur & Vorträge

Der Sonntag Gerhard Hanloser liest in Freiburg aus seinem Buch über den harten Kern von 1968.

Die 68er waren in diesem Jahr in aller Munde. Zahllose Beiträge würdigten ihre Einflüsse auf Lebensstile, Kultur, Musik oder Schulen. Der aus Umkirch stammende Publizist Gerhard Hanloser indes hat ein Buch über den harten Kern der Ideologie der 68er geschrieben. Es führt zu radikalen Denkern einer stürmischen Zeit.

So viel sei riskiert: 50 Jahre danach haben die Epigonen einer Bewegung, die von einer Revolution träumte, sehr viel medialen Raum erhalten, um als "Jugendbewegung" zu verbrämen, was die "große Frage" von 1968 eigentlich war: die Abschaffung des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft sowie die Verwirklichung einer marxistisch-sozialistischen Utopie. Möglicherweise war in diesem Jahr zu viel die Rede über die Rockmusik und Hippies, aber zu wenig von Hans-Jürgen Krahl, Bernd Rabehl oder Jaime Semprun. Gerhard Hanloser, heute Lehrer für Geschichte, Deutsch und Gemeinschaftskunde an einer Neuköllner Gesamtschule, leistet dieser Empfindung zusätzlichen Vorschub. "Lektüre und Revolte" hat er sein Buch überschrieben, mit dem er sich kommenden Freitag in Freiburg vorstellt. Im Jos Fritz Café geht es um die bedeutenden Texte, die die politischen 68er inspirierten, und die radikalen, die ihre herausragenden Köpfe selbst verfassten.

"Die 68er waren eine Lesebewegung", schreibt Gerhard Hanloser und erzählt, was Rudi Dutschke und Co. unbedingt gelesen haben müssen. Eine unvollständige Aufzählung führt zu sehr viel Karl Marx, nicht nur ein bisschen Lenin, zu Karl Korschs "Marxismus und Philosophie" sowie der umstrittenen Essay-Sammlung "Dialektik der Aufklärung" von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Letztere als prominente Köpfe der Frankfurter Schule und Vertreter der Kritischen Theorie lieferten den Stoff, an dem sich die radikalsten Autoren der 68er rieben. Für die jungen Revolutionsbewegten waren die inspirierenden Professoren bereits zu sehr integriert in das politische und kulturelle System der Bundesrepublik, um es mit ihnen gemeinsam zu überwinden und zu bezwingen.

In seiner Rückschau schildert Hanloser, eine tiefe Ohnmachtserfahrung gegenüber der technologisierten und bürokratisch verwalteten kapitalistischen Gesellschaft sei der wahre Auslöser der Proteste von 1968 gewesen. Horkheimer und vor allem Adorno hätten nach der faschistischen Erfahrung eine Revolution gegen den Kapitalismus aber weder für möglich und – was noch schlimmer aus der Sicht der 68er wiegt – für wünschenswert gehalten. Der Frankfurter Schule hielt deshalb einer der schillerndsten Figuren von 1968, Hans-Jürgen Krahl, entgegen: "Die Kritische Theorie konnte die kapitalistische Welt nicht in ihrer klassenantagonistischen Dualität wirklich begreifen."

Krahl, ein Schüler Adornos, der 1970 tragisch im Alter von nur 27 Jahren bei einem Unfall ums Leben kam, stand Ende der 60er Jahre nach einer Besetzung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung wegen Landfriedensbruch vor Gericht. Legendär blieben seine Ausführungen vor der Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe: "Uns wird immer gesagt, ihr seid deshalb nicht legitim, weil ihr nicht angeben könnt, wie die künftige Gesellschaft aussehen soll. Die künftige Gesellschaft kann man nicht vorwegnehmen. Wir können nicht sagen, wie die menschlichen Beziehungen in hundert Jahren aussehen werden, wenn wir nicht anfangen, sie ad hoc, unter uns, im gesellschaftlichen Verkehr zu verändern."

Das ist vielleicht der größte Verdienst der Schrift Gerhard Hanlosers: In einer Zeit, in der so viel von dem, was über die 68er gesagt wird, schal und abgestanden wirkt, führt sie zurück zu den Wurzeln einer Protestbewegung mit ausgeprägter revolutionärer Ideologie. "Alle diese Texte sind tot", behauptet der Historiker Götz Aly. "Sie sind aktueller denn je", kontert Hanloser.

Wer in die Gegenwart blickt, könnte eher Hanloser zustimmen. Die seit 2015 in den polarisierendsten Debatten mitschwingende Frage "Was ist Europa?" hat die 68er in einem anderen Kontext zutiefst bewegt, denn sie erlebten unmittelbar, wie die von ihnen verfochtene Utopie auf dem Kontinent jenseits des Eisernen Vorhangs realsozialistisch realisiert und pervertiert war. Auch dies ein Grund, über Europa hinauszublicken und sich in Afrika und vor allem Asien und Lateinamerika nach Hoffnung und Desillusionierung umzuschauen.

Und den tiefen Graben, der in Europa Ost und West derzeit trennt, hat die Migrationskrise nicht geschaffen, sondern bloß offengelegt. Denn der Konflikt heißt tatsächlich 1968 versus 1989. "Aktueller" geht nicht . . .
Gerhard Hanloser: Lektüre und Revolte. Der Textfundus der 68er-Fundamentalopposition, Unrast-Verlag, 9,80 Euro
Buchvorstellung und Diskussion, Freitag, 23. November, 20 Uhr, Jos Fritz Café, Wilhelmstraße 15, 79098 Freiburg, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro