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21. April 2017

Am Oberrhein, in der Fremde

"Auf der Walz": Karlheinz Kluge legt einen neuen Band mit Erzählungen vor – Lesung bei den Offenburger Literaturtagen.

  1. - Foto: arte

  2. - Foto: Csizmazia

Der Philosoph Walter Benjamin beschreibt 1936 die Gestalt des Erzählers als eine vormoderne, im Verschwinden begriffene, die Kunst des Erzählens als eine zu Ende gehende: "Er ist uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes." In dieser Denkfigur des Verschwindens muss nicht zwangsläufig nur der Verlust beklagt werden. Vielmehr lässt sie sich auch verstehen als Bedingung für eine unabschließbare Neuvermessung des Gegenwärtigen und Naheliegenden, vielleicht des absolut Anderen auch. Denn ist es nicht allererst das Unbekannte, in das der Erzähler sich begibt, um die Welt zu erkunden – in Verrückungen bis zum Abgründigen, Bodenlosen? Und dabei neue "Erfahrungen" zutage bringt, die unter den Oberflächen der Wirklichkeit verborgen scheinen?

In zehn fulminant dicht geschriebenen Erzählungen begibt sich der Offenburger Autor Karlheinz Kluge (Jahrgang 1951) "Auf (die) Walz", setzt seine(n) Erzähler aus in der Fremde ebenso unwegsamer wie umwegiger Geschichten: Ein Bub im Beiwagen, "diesem rollenden Sarg" der vom Vater gesteuerten "750er Windhoff", umklammert halb erfroren den an Heiligabend im Schwarzwald gestohlenen Weihnachtsbaum. Ein kindlich erregter Fasnachter erlebt das erste Aufrauschen des sexuellen Begehrens. Ein vor dem drohenden Wehrdienst nach West-Berlin sich absetzender badischer Bundesrepublikflüchtling wird in seiner Abschiedsnacht zum Helfer bei einer bizarren Totenreise über den Rhein. Ein Tunnel-Wartungselektriker lauscht im Bergwerk der wunden Seele "über den Atlantik hinweg". Ein Student holt als trampender Kurier einen "kleinen Oberrheinischen Wander- und Pilgeraltar" ab und gerät dabei in die Vogesen, erfährt zufällig von Vincent Doblins "Kolmogoroffscher Gleichung", den "Berechnungen für das Unvorstellbare" und vom Freitod des Sohns von Alfred Döblin als Soldat am 20. Juni 1940: An dessen Grab in Housseras kommt er zur Ruhe. Ein Besucher im Altersheim rasiert seinen Onkel und bettet die Prozedur mit leichter Heiterkeit in eine Weltraumszene mit dem "Raumgleiter Weasel" ein, um so ins Innerste zu gelangen, wo Menschen einsam sind.

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Karlheinz Kluges Erzählungen sind allesamt Abenteuer des In-die-Welt-Geratens, in die Wirrnis der Zeichen und Dinge. Sie sind oft zurückgebunden an Schwellenerlebnisse zwischen Traum und Traumata, an kleinbürgerliche Initiationsriten, die bereits das Kind in Generationszusammenhänge verstricken: "Dort, in der winzigen Küche (...) auf der Holzkiste neben dem Herd (…) versuchte ich, wobei ich zu schrumpfen schien, mit roten Ohren den Erzählungen meiner Tanten zu folgen, die von der Flucht 1945 aus Ostpreußen übers Frische Haff redeten. (…) – all das lehrte mich zum ersten Mal das schmerzlich genaue Zuhören."

Je dichter und kunstvoller das Netz der Erzählungen mit ihren mäandrierenden Handlungen, detaillierten Beobachtungen und vagen Erinnerungen geknüpft ist, desto weiter sind die Maschen der Realität, durch die das Vergessene und Imaginäre hereindrängt und sich ausdehnt in die Zwischenräume, die toten Winkel, wo das Unsagbare sich andeutet und der Erzähler zum magischen Deuter wird. Kluges Erzähler phantasieren hinein in diese objets trouvés, unter einer Patina aus Staub, "einem Gemisch aus Dieselruß, Reifenabrieb und Fett" seltsam stumm gewordene und in sich gekehrte Dinge, in die "Motive aus dem Abseits", in die den Bildern eingeschriebene "Leere, eine Abwesenheit, die von den Toten herrühren mußte (…) eine Armee der Schatten, als seien die Fotos zu lange im Entwicklerbad gelegen. Andere entdeckten auf dem Papier vieles, nur die Toten sahen sie nicht!"

Das den Tiefenschichten dieser Erzählungen eingeschriebene Surreale verbürgt und verbirgt eine unvorstellbare Erfahrung: den Tod. Um dieses geheime Gravitationszentrum kreist alles und alles läuft darauf zu. Inmitten barocker Fülle aus Dialektworten, Bluna und Birnenschnaps, Werbe-Devotionalien der "Brauerei Kälble", Frequenzrauschen und "jaulenden Rückkopplungen" des Detektors, Liedzeilen, duftschwerem "Silvestre. Eau de Toilette" und "Kitaboshi super-drawing"-Bleistift, allgegenwärtig die "Stimmen der Toten", umherziehend in einem Danse Macabre. Was die Erzähler aus der Ferne ahnen: kein Beobachtungsfuror, keine Beschreibungspatience reichen an das Ungeheuerliche. Allein das Loslassen und der freie Fall in den Erzählstrom bringen Rettendem näher, einer Hoffnung auf Ankunft und Abschied zugleich: "Wer nachts nicht schläft, kann die Geister sehen." Karlheinz Kluge erzählt genau jene Unschärferelation, die darum weiß, wie unsicher die sogenannten Tatsachen der Welt sind und wie gefährdet wir Menschen.

Karlheinz Kluge: Auf der Walz. Unterwegs in Geschichten. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2017. 224 Seiten, 20 Euro.
Lesung: Der Autor liest am 25. April, 20 Uhr, in der Offenburger Stadtbibliothek, Weingartenstraße 32/34, im Rahmen der bis Literaturtage "WortSpiel" (bis 10.Mai).

Autor: Andreas Kohm