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04. August 2017

Aufgeladen mit einer großen Stille

Mehr als ein Familienroman: Die Freiburger Autorin Iris Wolff lässt in "So tun als ob regnet" Raum für das Abwesende.

  1. Iris Wolff Foto: Stine Wiemann

"Das, was du Freiheit nennst, ist die trügerische Ruhe eines Friedhofs. Über kurz oder lang wird alles, woran wir hier festhalten, fort sein. Kannst du es denn nicht sehen?" Die freiheitsliebende und dafür alle Konvention hinter sich lassende Henriette versucht sich ihrem Sohn Vicco zu erklären, sie, die den schmerzhaften Preis eines unsteten Lebens zu zahlen bereit ist. Lässt sich die Flüchtigkeit festhalten? Lässt sie sich überhaupt wahrnehmen zwischen den unscheinbaren Dingen, den unzähligen und zufälligen Verbindungen, die unter ihnen bestehen und die aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, die Welt auf ebenso beunruhigende wie wundersame Weise vibrieren lassen?

Wo beginnen Geschichten?

Am Ende?

Die Freiburger Autorin Iris Wolff, geboren 1977, hat in vier Erzählungen, die ohne Not vorgeben ein Roman zu sein, einen durchlässigen und luftigen Erzählton gefunden. In einem behutsam gesponnenen Netz aus Verweisen – aus Dingen, Lichtverhältnissen, Rhythmen und Bewegungen, aus Worten, Gesten und Blicken, aus dezenten literarischen Spuren von Trakl, Stifter, Goethe und Schiller, Hermann Lenz bis hin zu Perry Rhodan und Jonny Cash – entwirft es Geschichten, aufgeladen mit einer großen Stille. Als atmeten die Räume, die Schlafzimmer, die Wälder, die Hinterhöfe und Gärten, als offenbare sich in ihrer geheimnislosen Stille ein körperlicher, "nächtlicher" Zusammenhang. Zu groß, um ihn umfassend zu erzählen, verweist er doch in jedem Satz sogleich über sich hinaus in ein Unbestimmtes, das den Figuren selbst innewohnt und das sie existentiell allesamt zu Heimatvertriebenen im eigenen Leben macht. Umso wichtiger sind Refugien und Strategien der Heimkehr zu sich selbst. "Keine Stimme tröstet wie die eigene", sagt Henriettes Großvater Elemér.

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In Iris Wolffs Erzählungen scheint es ein Herkommen aus Schlaf und dem Traumzustand zu geben, einen leicht und licht in der Schwebe bleibenden Moment der Entscheidung, jene sprichwörtlich gedankenverlorene Abwesenheit des "So tun, als ob es regnet". Verschattete Absencen, die in eine andere, gleichsam spirituelle Präsenz führen. Vielleicht ist das der Wesenskern ihrer familiären Verbindungen über vier Generationen hinweg, für den ein romantisch blauer Ring aus Turmalin (oder billigem Glas?) weitergereicht wird, von dem "in der Familie niemand erzählen konnte, woher (er) stammte". Zwar öffnen sich immer wieder winzige Ausblicke, und die wirkliche Welt sickert ein in die ein Jahrhundert umspannenden Erzählungen: der Erste Weltkriegs-Schauplatz Karpaten; Hitlers Aufstieg und die Schatten, die er auf das ferne Siebenbürgen wirft, wo sich eine skurrile, ahnungsvolle "Gesellschaft der Schlaflosen" separiert hat. Die erste Mondlandung im Fernsehen, "eine Zitrone im All", während die rumänische Gesellschaft von der Geheimpolizei Securitate durchseucht wird. Das heutige Schriftstellerinnendasein auf einer Kanareninsel.

Doch die historische Verortung verstärkt nur noch das zeitenthobene Allgemeine der fein gearbeiteten Erzählungen, die diskret stets auch ihr eigene Verfasstheit bedenken. Ephemere Ereignisse bezeugen bestenfalls, wie nah die sogenannte Wirklichkeit ans Märchen reicht, wie schnell das Imaginäre ins Reale, wie plötzlich das Vergessene und schmerzhaft Verdrängte in Erinnerung und vielleicht heilsames, "freies" Erzählen umzuschlagen vermag. "Es schien angebracht zu sein, dem, was erzählt wurde, nicht zu trauen." Wo also beginnen Geschichten? Am Ende? Iris Wolffs Erzählen schaut in einen Spiegel, und es sind die blinden, schwarzen Flecken darin, die das Bild des staunenden Betrachters ergänzen: wunderbar matt leuchtende Nocturnes.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. Otto Müller Verlag, Salzburg 2017. 166 Seiten, 14,99 Euro.

Autor: Andreas Kohm