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12. August 2017

Begeisterung und Hingabe

Der große Verleger Egon Ammann ist mit 75 Jahren gestorben.

  1. Egon Ammann, 2012 Foto: dpa

Mit zwei Namen vor allem ist das Leben des Verlegers Egon Ammann verbunden: mit dem Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann, den er mit der Veröffentlichung von dessen Debüt "Die Tessinerin" auf den Weg zu einer großen Karriere gebracht hat. Und mit der Freiburger Übersetzerin Swetlana Geier, die für ihn die fünf "Elefanten", die großen Romane des russischen Dichters Fjodor Dostojewskij, neu übersetzte. Als 1993 als erster Band im Zürcher Ammann Verlag "Verbrechen und Strafe" (vormals: "Schuld und Sühne") erschien, war das eine kleine literarische Sensation. Ammann begleitete seitdem die Arbeit der legendären großen alten Dame der Übersetzerzunft mit Treue, Leidenschaft und Hingabe. Was immer der große Ermunterer und Anreger, der stets Neugierige in Angriff nahm: Ohne Passion wäre alles nichts gewesen.

Denn von ökonomischem Erfolg konnte in der knapp 30-jährigen Geschichte seines Unternehmens kaum die Rede sein. Ammann verlegte die großen Poeten der Weltliteratur: Ossip Mandelstam, Konstantinos Kafavis, Antonio Machado, Fernando Pessoa. Geld ließ sich damit eher nicht verdienen. Der gebürtige Berner hatte stets Mäzene, die sein verlegerisches Engagement förderten: George Reinhart, Siegfried Unseld und vor allem Monika Schoeller, die Besitzerin des S. Fischer Verlags. Hier kamen auch viele Titel unter, die mit dem Ende des Ammann Verlags obdachlos geworden waren. Der Entschluss des Verlegerpaares Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld, den Verlag weder fortführen noch in jüngere Hände geben zu wollen, erschütterte 2010 die Branche. Man konnte sich weder die Schweizer Verlagslandschaft ohne Ammann noch Egon Ammann ohne Verlag vorstellen.

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In der Tat ist die Lücke, die das Ende dieses vom Geist der Weltliteratur beseelten Editionsunternehmens in der deutschsprachigen Verlagslandschaft hinterlassen hat, bis heute nicht geschlossen. Wen Egon Ammann als Autor für wichtig hielt, den brachte er heraus, in schön gestalteten, hochwertigen Bänden: Schweizer Autoren ebenso wie ihre Kollegen aus entlegenen Weltgegenden. Was er machte, das machte er ganz, mit Haut und Haaren. Für ihn war es deshalb wohl konsequent, sein Unternehmen, das er an seine Person und an die seiner Lebenspartnerin gebunden sah, nicht einer unsicheren Zukunft auszusetzen. Ein Jahr davor bereits war Ammann nach dreijähriger Amtszeit als Leiter des Festivals Buch-Basel zurückgetreten.

Für ihn gab es dann durchaus noch ein Leben jenseits des Verlagswesens, in das er 1966 mit Enthusiasmus und dem Konkurs seines Kandelaber Verlags nach fünf Jahren eingetreten war; das er als Suhrkamp-Lektor für die Schweiz fortführte, bevor er sich 1981 zum zweiten Mal selbständig machte. Ammann wirkte im Hintergrund als Experte, trat als Moderator und Laudator auf: Im Herbst 2014 hielt er die Preisrede auf Thomas Hürlimann, als dieser in Waldshut den Alemannischen Literaturpreis entgegennahm. Er war eine große Verlegerpersönlichkeit, wie es sie heute nicht mehr gibt. Am 9. August ist Egon Ammann in seiner Wahlheimat Berlin im Alter von 75 Jahren gestorben.

Autor: Bettina Schulte