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27. Mai 2015 21:09 Uhr

Bücher

Bibliotheken locken Kunden mit Einfallsreichtum

Von wegen verstaubt: Bibliotheken registrieren bundesweit steigende Besucherzahlen. Sie gehen mit der Zeit, bieten Lesungen an und Café-Flair. Wie geht es den Bücherein in

  1. Von der reinen Ausleihstation zum Arbeits- und Entspannungsort: Die Funktion von Bibliotheken hat sich gewandelt. Foto: dpa

Büchereien als reine Ausleihstationen sind passé. Heute gibt es in fast jeder größeren Bibliothek ein Café, Lesungen und spezielle Angebote etwa für Studenten, Kinder oder Senioren. Und trotz der massenweisen Verbreitung von E-Readern, Smartphones und Tablet-Computern hat die Bibliothek längst nicht ausgedient – dieses Fazit lässt sich anlässlich des Deutschen Bibliothekartags, der noch bis Freitag in Nürnberg stattfindet, ziehen. "Sowohl die Hochschulbibliotheken als auch die städtischen Büchereien sind als Ort im Augenblick so attraktiv wie nie", sagt Frank Simon-Ritz, Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes. "Wir haben überall steigende Besucherzahlen."

Diese Entwicklung lässt sich auch in Südbaden beobachten: Die Stadtbibliothek Lörrach etwa registrierte im vergangenen Jahr eine Steigerung der Besucherzahlen um 1,6 Prozent, von rund 162 100 im Jahr 2013 auf mehr als 164 700 im Jahr 2014. In Emmendingen halten sich die Nutzer- und Ausleihzahlen derweil seit Jahren auf hohem Niveau, sagt Rosemarie Weber, die Leiterin der dortigen Stadtbibliothek.

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E-Books sind besonders beliebt

Die Institution Bibliothek habe eine besondere Qualität, erklärt Simon-Ritz die Beliebtheit: "Viele Menschen kommen nicht mehr, weil sie ein bestimmtes Buch suchen, sondern sie schätzen die Bibliothek als anregenden und inspirierenden Arbeitsort, der noch dazu sehr kommunikativ ist."

Fast 10 200 Bibliotheken gibt es in Deutschland. Jeden Werktag zählen die Häuser nach Angaben des Verbandes 700 000 Besuche. Knapp 470 Millionen Medien werden jedes Jahr ausgeliehen. Bei Büchern, CDs und Co. gingen die Ausleihzahlen zuletzt zwar leicht zurück, doch die Nutzung elektronischer Angebote wie etwa E-Books sei "nachgerade explodiert", so Simon-Ritz.

Diesen Trend spürt auch Weber: "Besonders zu Beginn der Schulferien merkt man, dass die Leute sich für den Urlaub eindecken." So seien am Pfingstwochenende jeden Tag rund 100 E-Books ausgeliehen worden. Statt schwerer Bücher landet bei immer mehr Menschen ein E-Book-Reader im Reisekoffer. Der Vorteil: Da viele Bibliotheken mittlerweile eine Online-Ausleihe anbieten, lässt sich sogar vom Hotelpool aus neuer Lesestoff ordern. "Alle unsere E-Book-Reader sind momentan verliehen", bestätigt auch Maike Wilsch, die stellvertretende Leiterin der Lörracher Stadtbibliothek, die wachsende Beliebtheit solcher Angebote.

Wunsch: Sonntags öffnen zu dürfen

Nichtsdestotrotz stehen die Büchereien in Deutschland auch vor Herausforderungen und Problemen. Darüber diskutieren seit Dienstag rund 4000 Bibliotheksexperten aus dem In- und Ausland beim Deutschen Bibliothekartag in Nürnberg. Eines ihrer wichtigsten Anliegen: die Sonntagsöffnung. Bislang ist diese nur wissenschaftlichen Bibliotheken mit Präsenznutzung erlaubt. "Das erscheint obsolet und unzeitgemäß. Das muss für alle Bibliotheken gelten", fordert Simon-Ritz. Büchereien seien Kultureinrichtungen wie Museen und Theater und sonntags sei der attraktivste Tag gerade für Familien. "Da haben die Leute Zeit", glaubt auch Weber, "der Sonntag wäre sicher ein guter Ausleihtag."

Bisher gilt in Emmendingen der Samstag quasi als Familientag, an dem viele Kinder und Jugendliche in die Bücherei kommen. Denn unter der Woche haben sie aufgrund des vermehrten Nachmittagsunterrichts dafür spürbar weniger Zeit als früher, hat Weber beobachtet. Dennoch steht sie einer möglichen Öffnung an Sonntagen mit zwiespältigen Gefühlen gegenüber. "Man muss dabei auch an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Familien denken."

Ein weiteres wichtiges Thema sind die E-Books. Bislang haben öffentliche Bibliotheken nicht die Möglichkeit, alle verfügbaren elektronischen Bücher anzubieten. Denn die Verlage können selbst bestimmen, ob sie eine Lizenz an Bibliotheken vergeben. Viele große Verlage verweigern das. Sie befürchten eine Konkurrenzsituation zwischen Bibliotheken und (Online-)Buchhandel.

"Es kann nicht sein, dass Verlage ganze Segmente vom Erwerb ausschließen können", sagt Klaus-Rainer Brintzinger, Chef des Vereins Deutscher Bibliothekare. "Als Kunde erwarte ich heute, in meiner Bibliothek den Bestseller auch als E-Book zu finden", ergänzt Tom Becker vom Berufsverband Information Bibliothek. Die Bibliotheken sind der Ansicht: "Ein Buch ist ein Buch" – egal, ob in gedruckter oder elektronischer Form. Und daher sollten für beide die gleichen Regeln gelten – auch der gleiche ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, den es bislang nur für gedruckte Bücher gibt.
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Autor: Cathérine Simon (dpa)/Matthias Maier