Ägypten

Die Bibliothek im Katharinen-Kloster – ein Zeichen der Hoffnung

Jürgen Gottschlich

Von Jürgen Gottschlich

Do, 28. Dezember 2017 um 13:32 Uhr

Literatur & Vorträge

Die Bibliothek des griechisch-orthodoxes Katharinen-Klosters auf der Sinai-Halbinsel ist wiedereröffnet worden – in Zeiten vermehrter islamistischer Attacken auf ein rares Zeichen der Hoffnung.

Die vermutlich älteste Bibliothek der Welt liegt an einem der am schwierigsten zugänglichen Orten der Welt. Zu dieser Bibliothek fahren keine U-Bahnen und keine öffentlichen Busse. Erreichbar ist sie nur über eine einsame schmale Straße, die sich von der nächsten Stadt über Stunden durch eine eindrucksvolle, leere Wüstenlandschaft hinzieht. Die Bibliothek gehört dem Katharinen-Kloster, ein griechisch-orthodoxes Kloster, das wie in einer Zeitkapsel am südlichen Ende der Sinai-Halbinsel, umgeben von einer muslimischen Welt seit gut 1500 Jahren existiert.

Nachdem die Bibliothek für mehrere Jahre wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen war, wurde sie nun vor wenigen Tagen feierlich wiedereröffnet. Der ägyptische Kulturminister Chaled al Anani war angereist, hohe Würdenträger der orthodoxen Kirche und etliche Wissenschaftler aus den USA und Europa, die sich seit langem mit den Schätzen der Sinai-Bibliothek beschäftigen. Die Wiedereröffnung der Bibliothek ist in Ägypten, gerade in Zeiten vermehrter islamistischer Attacken auf Kirchen und Moscheen, ein rares Zeichen der Hoffnung.

Nach Jahren zum Teil heftiger Auseinandersetzungen ist nun ein Meilenstein für den Erhalt eines einmaligen, von der Unesco anerkannten Weltkulturerbes erreicht: Das Kloster in der Wüste hat für seine über 3000 Manuskripte, deren Entstehung bis in 4. Jahrhundert unserer Zeit zurückreicht, eine Bibliothek bekommen, die den modernsten Erkenntnissen der Konservierung und Pflege der wertvollen Hinterlassenschaft angemessen ist. Federführend bei dem Projekt war die berühmte British Library aus London, die einen Teil der Mittel organisierte und ihr Wissen zur Verfügung stellte. Den Rest besorgten orthodoxe Spender aus der ganzen Welt.

Auf den ersten Blick könnte niemand vermuten, dass ausgerechnet dieses Wüstenkloster nun eine der modernsten Bibliotheken beherbergt. Umgeben von hohen, schier uneinnehmbaren Mauern, sieht es eher wie eine antike Festung denn ein Kloster aus. Es liegt am Ende einer langen Schlucht zwischen schroffen, kahlen Bergen. Einer dieser Berge ist überhaupt der Grund für die Existenz des Klosters. Auf dem 2300 Meter hohen Mosesberg, an dessen Fuß sich das Katharinen-Kloster befindet, sollen Moses nach dem zweiten Buch Genesis von Gott die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten überreicht worden sein. Dieselben Zehn Gebote, nach denen sich die Israeliten, die zu diesem Zeitpunkt nach ihrer Flucht aus Ägypten durch die Wüste irrten, zukünftig richten sollten. Dort wo jetzt das Kloster steht, soll sich laut Altem Testament der brennende Dornbusch befunden haben, in dem sich Gott Moses erstmals offenbarte.

Schon im 2. Jahrhundert hatten sich deshalb einige Eremiten der frühchristlichen Kirche in den Felsspalten des Mosesbergs zum Zwiegespräch mit Gott zurückgezogen. Mit der Zeit wurden es immer mehr fromme Männer, die dort siedelten und dabei immer wieder Angriffen nomadischer Wüstenstämme ausgesetzt waren. Deshalb gab der byzantinische Kaiser Justinian in Konstantinopel im 6. Jahrhundert den Auftrag, für die Mönche ein wehrhaftes Kloster zu bauen, das sich gleichzeitig in die Befestigungskette der östlichen Grenze von Byzanz einfügte. Als sich 200 Jahre später das Patriarchat von Alexandria von Konstantinopel abspaltete und die koptische Kirche bildete, blieb das Katharinen-Kloster der griechisch-orthodoxen Mutterkirche treu. Gelehrte Mönche aus der gesamten griechisch-orthodoxen Welt, aber auch vom Balkan und aus Russland kamen seitdem ins Katharinen-Kloster, um in aller Abgeschiedenheit von der Welt zu meditieren, zu schreiben und Ikonen zu malen, die heute in der gesamten Orthodoxie berühmt sind.

Einer von ihnen ist Vater Justin, der Leiter der Sinai-Bibliothek. Ein großer hagerer Mann in schwarzer Kutte, mit schwarzem Käppi und langem weißen Bart – womit er genauso so aussieht, wie man sich einen asketischen Mönch in der Wüste vorstellt. Tatsächlich ist Justin Amerikaner ein Katholik, der vor vielen Jahren zum orthodoxen Glaube konvertierte und in die Wüste ging. Wie die übrigen 25 Mönche im Wüstenkloster hat er sich von der Welt abgewandt und lebt ganz im Ritus der Mönchsgemeinschaft, wie sie bereits im 4. Jahrhundert festgelegt wurde. Tatsächlich sind die Mönche im Katharinen-Kloster so etwas wie die letzten Byzantiner. "Wir haben an unseren Regeln und unserer Lebensweise seit dem 6. Jahrhundert im Prinzip nichts geändert", sagt Vater Justin.

Doch um der Bibliothek willen muss er sich immer wieder auch um die Welt außerhalb der Klostermauern kümmern. Es ist kein Zufall und hat auch nicht nur mit bibliophiler Begeisterung zu tun, dass sich ausgerechnet die ehrwürdige British Library aus dem anglikanischen London um eine moderne Unterbringung der Sinai-Handschriften verdient gemacht hat. Denn das mit Abstand berühmteste Manuskript des Klosters, der so genannte Codex Sinaiticus, befindet sich heute zu großen Teilen in London und gehört zu den absoluten Prunkstücken der British Library.

Der Codex (siehe dazu auch den Kasten auf dieser Seite) ist die älteste erhaltene Handschrift des Neuen Testamentes aus dem 4. Jahrhundert, und damit eines der wertvollsten Manuskripte der Welt. Vater Justin ist wie die anderen Sinai-Mönche auch der Meinung, dass der Codex zurück ins Katharinen-Kloster gehört. Doch wie bei der Büste der Nofretete von der Berliner Museumsinsel oder den Athener Parthenon-Figuren im Britischen Museum ist eine Rückkehr des Codex ins Sinai-Kloster nur schwer durchsetzbar. Stattdessen hat sich die British Library für die Modernisierung der Bibliothek des Sinai Klosters engagiert.

So ist es jetzt möglich, die anderen uralten Handschriften des Klosters, die meisten von ihnen in altgriechischer Unzialschrift, aber auch Manuskripte in Latein, Aramäisch oder in slawischen Sprachen der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen. Dass sie überhaupt noch existieren, ist dem extrem trockenen Wüstenklima zu verdanken, aber auch dem erstaunlichen Umstand, dass das Kloster in seiner langen Geschichte, die es zum größten Teil nach der Islamisierung der arabischen Welt in muslimischer Umgebung verbrachte, nie zerstört wurde und durchgängig immer von Mönchen bewohnt war.

Gerade jetzt, wo im nördlichen Sinai IS-Fanatiker nicht nur Militär- und Polizeiposten sondern auch Moscheen und koptische Kirchen angreifen, ist das Katharinen-Kloster und seine Bibliothek ein Geschenk für Ägypten. Viele Pilger, aber auch Touristen, die von dem Urlaubsort Sharm el Sheikh am Roten Meer per Bus zum Kloster gebracht wurden, haben das Katharinen-Kloster in den vergangenen Jahrzehnten besucht. Die Wiedereröffnung der Bibliothek könnte dazu beitragen, dass Russland, das nach dem Absturz eines Ferienfliegers über dem Sinai 2015, der angeblich durch eine Bombe des IS verursacht wurde, seinen Flugverkehr einstellte, jetzt wieder Pilger und Touristen nach Sharm el Sheik fliegen lässt. Für den Tourismus in Ägypten wäre das ein wichtiges Signal.

Das Kloster ist für einen neuerlichen Besucheransturm gerüstet. Neben einen Blick in die Bibliothek können Besucher auch die ebenfalls neu restaurierten Fresken in der Klosterkirche bewundern, die noch aus dem 6. Jahrhundert stammen. Die Besucher werden von Sharm el Sheik aus in der Nacht mit Bussen zum Katharinen-Kloster transportiert. Morgens um 8 Uhr wird die Besucherpforte geöffnet, bis 12 Uhr mittags freilich müssen alle Gäste wieder draußen sein. Danach senkt sich dann wieder eine tiefe Ruhe über die orthodoxe Sinai-Feste am Mosesberg.

Der Codex Sinaiticus

Es war der 4. Februar 1859, als Constantin von Tischendorf seinen großen Fund machte. Nachdem er bereits zum dritten Mal eine Expedition von Leipzig aus ins Wüstenkloster im Sinai unternommen hatte, stieß er kurz vor seiner Abreise auf den Schatz, dem er seit 16 Jahren hinterherjagte: ein voluminöses Paket loser, per Hand in altgriechischer Unzialschrift versehener Pergamentseiten, die das komplette Neue Testament und große Teile des Alten Testaments enthielten. Beschrieben wurde dieses Pergamentpaket in der Mitte des 4. Jahrhunderts und ist damit bis heute die älteste bekannte Fassung des Neuen Testaments.
   Constantin von Tischendorf war
im Auftrag des russischen Zaren Alexander II. im Sinai. Der Zar sah sich damals als weltliches Oberhaupt der orthodoxen Weltkirche und wollte diesen Anspruch durch den Erwerb des Codex Sinaiticus unterstreichen.

  Mit viel Geld, guten Worten und dem Versprechen, das Original wieder zum Katharinen-Kloster zurückzubringen, wenn es in Russland erfolgreich kopiert worden ist, überredet Tischendorf die Mönche dazu, den Codex nach St. Petersburg mitnehmen zu können, wo er dem Zaren präsentiert wurde. Rund 43 Seiten des Codex, die Tischendorf schon bei seiner ersten Reise zum Sinai entdeckt hatte, brachte er zu seiner Universität nach Leipzig, wo sie bis heute im Tresor lagern. Der Hauptteil des Codex blieb zunächst in Russland und überlebte dort unbeschadet den Untergang des Zarenreichs. Von 1928 an begannen die Sowjets unter Stalin die Kunstschätze des Zarenreiches zu verkaufen, weil sie dringend Geld für die Industrialisierung brauchten.
  Ein britischer Kunsthändler erfuhr vom Codex Sinaiticus und initiierte in England eine öffentliche Sammlung, die die 100 000 Pfund zusammenbrachte, die Stalin verlangte. Im Jahr 1933 wurde der Codex feierlich der britischen Öffentlichkeit präsentiert.

  Weil ein paar Anhänge in St. Peterburg verblieben und die Mönche im Sinai bei Umbauarbeiten in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts noch einmal einen Packen des Codex in einer seit Jahrhunderten verschlossenen Kammer entdeckten, ist das Buch der Bücher nun über vier Standorte verteilt: die British Library, das Sinai Kloster, St. Petersburg und Leipzig. Ab 2005 startete die British Library ein Großprojekt um den gesamten Codex zu digitalisieren.

   Seit 2009 kann man den kompletten Codex im Internet lesen (auf Englisch):
http://www.codexsinaiticus.org