Die junge und die alte Feministin

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Fr, 07. September 2018

Literatur & Vorträge

Meg Wolitzers Roman "Das weibliche Prinzip".

Wie stellt man sich jemanden vor, der "in mehrfacher Hinsicht verbissen schüchtern" ist? Meg Wolitzer gibt ihrer Leserschaft knapp 500 Seiten Zeit, um ihre Protagonistin Greer Kadetsky gründlich kennenzulernen. Es gehört zum Schreibstil der amerikanischen Autorin, die 2013 mit ihrem Gesellschaftsroman "Die Interessanten" in Deutschland bekannt wurde, weit auszuholen und ausschweifend zu schreiben. Das bedeutet nicht, dass sie geschwätzig wäre oder sich gar verschwurbelt ausdrückte. Vielmehr scheint es ihr Ehrgeiz zu sein, ihre vielschichtigen Figuren für ihre Leserschaft zu durchdringen – und somit auch die Gesellschaft, in der sie leben, abzubilden. Das gelingt der 59-Jährigen in ihrem jetzt auf Deutsch veröffentlichten Roman "Das Weibliche Prinzip" wieder sehr gut.

Wie gesagt, dies ist die Geschichte von Greer Kadetsky. Die kluge junge Frau besucht ein College, das sie sich nicht ausgesucht hat. Vielmehr haben ihre Eltern, ein kiffendes Alt-Hippiepaar, das sich selbst genug ist und der Tochter schon immer zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat, es versäumt, die Unterlagen für ein wirklich gutes College zu unterschreiben. Nun muss sie also mit einer mittelmäßigen Schule vorlieb nehmen – anders als ihr Freund Cory, der es nach Princeton geschafft hat und den sie für sein Leben dort beneidet.

Immerhin gibt es auch vom Ryland College Dinge zu berichten. Eine schreckliche Sache: Greer wird von einem Kommilitonen sexuell belästigt. Und eine tolle Sache: Die Frauenrechtlerin Faith Frank hält einen Vortrag am College – und Greer hat gemeinsam mit ihrer Freundin Zee die Gelegenheit, ihr Idol danach kennenzulernen. Auf etwas unkonventionelle Art und Weise – auf der Damentoilette. Wolitzer macht diese beiden Begebenheiten zu Schlüsselszenen ihres Romans.

Die Belästigung ist Anlass für Greer, erstmals mit einem eigenen Anliegen in die Öffentlichkeit zu gehen. Sie muss allerdings feststellen, dass ihre Klage nicht viel nützt: Der Täter wird nicht vom College geworfen, nur die wenigsten Mitschülerinnen solidarisieren sich. Was machen solche enttäuschenden Erfahrungen mit Greer – was machen sie mit anderen Frauen im Roman, was mit den Leserinnen? Hat Meg Wolitzer einen Roman passend zur MeToo-Bewegung geschrieben? Einen literarischen Aufschrei jedenfalls macht die Schriftstellerin nicht aus ihrem Buch – dazu ist sie zu wenig zornig, ihr Ton zu moderat.

Vielmehr stellt Wolitzer Greer die um 40 Jahre ältere Feministin Faith Frank gegenüber und weist so auf einen anderen Lebensentwurf hin. Faith ist eine Frau, die in den 70er-Jahren das Manifest "Das weibliche Prinzip" geschrieben hat, die die feministische Zeitschrift "Bloomer" gründete, die junge Frauen ermutigen möchte, für ihre Rechte zu kämpfen – die jedoch auch die Kompromisse kennt, die das Leben für jede und jeden bereithält.

Vielleicht will die Autorin aufzeigen, dass der Feminismus so vielfältig ist wie seine Protagonistinnen. Und sicher ist auch das Schicksal, das Wolitzer sich für Greers Freund Cory ausgedacht hat, der nach einem schlimmen Vorfall in der Familie auf seine Karriere verzichtet und sich aufopferungsvoll für seine Mutter einsetzt, nicht zufällig gewählt: Tradierte Rollenzuschreibungen sind nichts, woran diese Autorin festhält.

Dass diese vielstrangigen Schilderungen nicht etwa dazu führen, dass man sich in beliebigen Geschichten verliert, ist die Stärke des Buchs: Es ist klug durchdacht und komponiert, es wandert in der Zeit, ohne jedoch seine Leserschaft zu verwirren. Es ist eindringlich, ohne aufdringlich zu wirken.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip.

Roman. Aus dem Englischen von Henning

Ahrens. Dumont Verlag, Köln 2018. 495 Seiten, 24 Euro.