Die Mörder sind bekannt

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Fr, 12. Januar 2018

Literatur & Vorträge

Manu Larcenet hat aus Philippe Claudels Roman "Brodecks Bericht" eine düstere Graphic Novel gemacht.

Unschuldig unter Schuldigen zu sein, ist gefährlich. "Im Grund nicht anders, als der einzige Schuldige unter Unschuldigen zu sein", erkennt Brodeck, der Außenseiter. Die Männer aus dem Dorf, in dessen Nähe er lebt, haben einen Mord begangen. Gemeinsam. Brodeck kommt wenige Augenblicke nach dem "Ereignis", wie alle die Tat nennen, ins Gasthaus "Schloss", den Ort des Geschehens. Die Anwesenden verstummen. Finstere Blicke empfangen Brodeck, der ahnt, was sich zugetragen hat. "Du wirst die Dinge aufschreiben", ergeht der Befehl an ihn. Unwillig fügt sich Brodeck. Doch er beschließt, festzuhalten "wie es war, nicht, was sie erwarten oder wünschen."

Wie ein Krimi wirkt die düstere Graphic Novel "Brodecks Bericht" zu Anfang. Kurz nach dem Mord setzt die Handlung ein. Im Gasthaus schlägt Brodeck, der nur Butter kaufen will, drückende Feindseligkeit entgegen. Tags darauf warnt ihn ein Dörfler: "Pass auf dich auf, Brodeck." Bürgermeister Orschwir verweigert ihm den Gruß. Brodeck fühlt sich ausgespäht und bedroht. Kann der Unbeteiligte, der die Chronik des kollektiven Mordes schreiben soll, diese Aufgabe überleben? Zumal Brodeck noch nach Jahrzehnten ein Fremder ist. Er wurde nicht im Dorf geboren – genau wie das Mordopfer, der "Andere". Der kam erst vor Wochen an, hat sich im Gasthof einquartiert. Seine Andersartigkeit reißt alte Wunden auf. Das "Ereignis" ist Glied einer schicksalhaften Kette, die Jahre zurückreicht.

Manu Larcenets meisterhafte Graphic Novel basiert auf dem viel gelobten Roman "Brodecks Bericht" von Philippe Claudel, der 2009 auf Deutsch erschienen ist. Der französische Autor spricht von einem "vorgetäuschten historischen Roman". Claudel hat bewusst auf eindeutige Zeit- und Ortsangaben verzichtet. Das namenlose Dorf liegt wohl im französisch-deutschen Grenzgebiet. Danach klingen viele Namen, Begriffe und Inschriften wie "Boden und Herz geliecht" (Bauch und Herz vereint) am Haus des Bürgermeisters Fritz Orschwir. Die Rahmenhandlung folgt Brodecks Recherche zu den Wurzeln des Mordes und spielt kurz nach Kriegsende – wahrscheinlich des Zweiten Weltkriegs. In dem hielt "Fratergekeime", der Feind, das Dorf zeitweise besetzt. Tod und Verrat sind eingezogen. Ein paar Einwohner haben sich den Besatzern gebeugt, haben kollaboriert und sich schuldig gemacht. Andere mussten gewaltsam sterben oder Gewalt erleiden. Brodeck kam ins Internierungslager des Feindes, in den "Kazerskwir", wo ihn Folter und Demütigung erwarteten. In Rückblenden geht "Brodecks Bericht" weit über einen Krimi hinaus: Ein Drama um Feigheit, Ausgrenzung, Schuld und das Leben damit.

Zeichner Manu Larcenet verschlankt Hintergründe, nimmt sich kleine Freiheiten heraus, aber spielt wie die Vorlage mit der Ungewissheit. "Brodecks Bericht" ist eine Parabel ohne moralische Lektion. Als Comic-Adaption wird sie durch Larcenets schwarzweiße Grafik zum neuen Erlebnis. Bleierne Schwere durchzieht jede Szene. Zeichnungen scheinen zu stöhnen und zu wimmern. Besonders beeindrucken die wortlosen Passagen. Sie stellen Angst zur Schau, innere Monologe, die Beklemmung in der Enge des kargen Dorfes und selbst das Grauen des Internierungslagers! So gewagt wie grandios.

Larcenet besitzt ein atemberaubendes Gespür für Motive und Bildfolgen, die mehr erzählen, als sie zeigen, und eine dichte Atmosphäre erzeugen. Schon der fulminante Vierteiler "Blast" hat seine Extraklasse demonstriert. Larcenet zählt zu den ausdrucksstärksten Künstlern des Genres und wird Claudels schwerem Stoff mehr als gerecht. Die Mörder des "Anderen" sind bekannt. Doch Brodeck wird erfahren, wie viel Unrecht vermeintliche Freunde über ihn und die Seinen gebracht haben. Er wird erfahren, warum seine Frau nicht mehr lachen kann.

Manu Larcenet: Brodecks Bericht. Nach einem Roman von Philippe Claudel. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt Verlag, Berlin 2017. 328 Seiten, 39 Euro.