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25. April 2016

Die Niederlande – nah und fern zugleich

Sechster europäischer Übersetzerpreis in Offenburg übergeben.

  1. - Foto: Braxart

Diesmal die Niederlande. Das passt kulturpolitisch bestens in die Landschaft: Die Niederlande und Flandern sind vom 19. bis zum 23. Oktober Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse. Zufall oder nicht: Übersetzungen aus dem Niederländischen bilden in diesem Sommer einen Schwerpunkt bei deutschen Verlagen. 250 Titel sollen es sein bis zum Herbst. Ein Übersetzer aus der Sprache des kleinen Nachbarn im Nordwesten wurde am gestrigen Sonntag bereits geehrt: Andreas Ecke nahm in Offenburg den mit 15 000 Euro dotierten sechsten Europäischen Übersetzerpreis entgegen – und fand die zweistündige Matinee im Salmen ganz überwältigt schlicht "wunderbar".

Man konnte die Begeisterung nachempfinden. Erstens stehen Übersetzer, diese unendlich wichtigen Vermittler zwischen den Sprachen und den Kulturen, selten im Rampenlicht. Und zweitens gibt sich die Stadt Offenburg, die den Preis vor elf Jahren mit Unterstützung der Hubert-Burda-Stiftung ins Leben gerufen hat, alle Mühe, den Geehrten mit größtmöglichem Respekt und Anerkennung zu begegnen. Dazu gehört nicht nur ein Laudator, sondern auch ein Festredner, der die Kultur des jeweils ausgewählten europäischen Landes dem überaus geneigten Publikum im ehemaligen Versammlungssaal der 1848-Revolutionäre nahebringt. In diesem Jahr hieß er Friso Wielenga.

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Der Niederländer, der in Münster das Zentrum für Niederlande-Studien an der Universität leitet, ließ in einem witzigen und kurzweiligen Vortrag die schwierige Nachkriegszeit in den Beziehungen zwischen zwei ungleichen Partnern Revue passieren: von der Ablehnung der ehemaligen Besatzer in den Fünfzigern über eine Phase der Annäherung unter Bundespräsident Heinemann Ende der Sechziger, über Wellentäler in den 70ern (Terrorismusfahndung) und den 90ern (brennende Asylbewerberheime) bis zur heutigen – von Empfindlichkeiten des kleineren gegenüber dem weitaus größeren Land getrübten – Normalität. Ein beruhigender Befund, den Laudator Christoph Buchwald, Verleger und Übersetzer, mit der Feststellung vervollständigen konnte, dass auch im Übersetzungsverkehr seit den 90ern Normalität herrscht: Vorher war die niederländische Literatur für den deutschen Literaturbetrieb eine Terra Incognita. Vielleicht lag das auch an der vermeintlichen Nähe zwischen den beiden Sprachen, die für Übersetzer die Gefahr vieler "falscher Freunde" birgt: der wörtlichen Übersetzung von Wendungen, die ganz anderes bedeuten. Andreas Ecke kennt das Geschäft seit über vierzig Jahren: Er machte vor allem den Schriftsteller Gerbrand Bakker in Deutschland bekannt – Buchwald rühmte sein Gespür für den Ton, die sprachliche Atmosphäre der Vorlage über die Maßen.

An Ecke war es wiederum, einen Träger für den erstmals vergebenen "Entdeckerpreis" auszuloben: Er fand ihn in der gebürtigen Zürcherin Jacqueline Crevoisier. Ihr ist es nach jahrzehntelanger Beharrlichkeit gelungen, die bis dahin auch vom Autor selbst für unübersetzbar gehaltenen "Bommel"-Bilderzählungen von Marten Toonder in Deutschland bekannt zu machen: dank des niederländischen Personalia Verlags, der ihre Übersetzung "Plattwalzer" 2014, neun Jahre nach Tonders Tod, endlich druckte. Ein zweiter Band der in hohem Maß skurrilen sprachspielerischen Serie wird zur Frankfurter Buchmesse erscheinen: endlich der Durchbruch hierzulande für Tonder, so Crevoisiers Hoffnung.

Einstweilen warb der sympathisch uneitle Hauptpreisträger für die von ihm entdeckte "Entdeckerin" und ihre freie Übertragung in hohen Tönen. Kein Zufall vielleicht, dass Crevoisier aus einem anderen kleinen Nachbarland der Deutschen stammt. Die Stadt Offenburg jedenfalls macht mit diesem Preis ihrerseits die beste Werbung – nicht nur für das Übersetzen, sondern auch für ein vielstimmiges, lebendiges Europa.

Autor: Bettina Schulte