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14. September 2017

Die Stimme Nordfrieslands

Vor 200 Jahren wurde Theodor Storm in Husum geboren.

  1. Porträt des Dichters Theodor Storm Foto: dpa)

Theodor Storm, der am 14. September 1817 in Husum geboren wurde, hat dieser Stadt in vieler Hinsicht Farbe gegeben, die nicht verblasst ist, und einen Ton: Er ist die Stimme Nordfrieslands. In Husum gibt es eine rege Storm-Gesellschaft. Wer dort aufgewachsen ist, ist von der Volksschule an seinen Gedichten begegnet: ihren Naturbildern: "Die Wandergans mit hartem Schrei / Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei –" und ihrem Zauber: "Die Vögel schwirren aus dem Kraut / die Luft ist voller Lerchenlaut".

Der Liebe war Storm ganz und auf eine ungewöhnliche Weise verfallen. Mit 19 Jahren verliebte er sich in eine zehnjährige kluge Hamburgerin, Bertha von Buchan, wechselte mit ihr vier Jahre lang Briefe, sandte ihr zahllose Gedichte. Die Liebe wurde ein Thema, und blieb es: "Wer geliebt in Liebesarmen, / Der kann im Leben nie verarmen". Es gibt bei Storm eine Verbindung von direkter Realität und dichterischem Traum, von weicher Zartheit und Härte. Er war in Japan beliebt; vielleicht ist er es noch. Die christliche Form eines Jenseits war ihm fern. Aber es gibt ein besonders schönes Gedicht von ihm, "Weihnachtsabend", in dem er schildert, wie er durchs Gedränge der Stadt heimwärts gehend ein blasses, leidendes Kindergesicht sieht, das, ein Spielzeug in der Hand, "Kauft, lieber Herr!" sagt – und er sich daheim angstvoll peinigt, weil er diesen Ruf überhört hat. Zu Hause war das Schmücken des Weihnachtsbaums mit ungezählten, heute noch zu besichtigenden Kostbarkeiten die Arbeit eines Tages. Das hat Thomas Mann, der ihn hochgeschätzt hat, vielleicht nicht von ihm übernommen, aber mit ihm gemeinsam.

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Nicht das Jenseits, die stille Majestät des Todes und der Vergänglichkeit waren bei ihm ein wiederkehrendes lyrisches Thema, gelegentlich findet sich ein drastischer Humor. Man hat diese Zeilen oft zitiert: "Blüte edelsten Gemütes / Ist die Rücksicht. Doch zuzeiten / Sind erfrischend wie Gewitter / Goldne Rücksichtslosigkeiten".

Das Hauptwerk sind Storms Novellen, vom "Immensee" im Jahr 1849 bis zum "Schimmelreiter" im Todesjahr 1888. In 40 Jahren entstanden 33 Novellen. "Immensee" hat ihn berühmt gemacht. Es ist, unverkennbar, der schmerzvolle Rückblick auf die geliebte Hamburgerin, die Wiederbegegnung nach Jahren in einer hinreißend erlebten Wald- und Seelandschaft. Sie rudern, ihre Hand ruht auf der Holzwand, "er sah auf ihr jenen feinen Zug geheimen Schmerzes, der sich so gern schöner Frauenhände bemächtigt, die nachts auf krankem Herzen liegen". Sie lässt die Hand ins Wasser gleiten: Sie liebt ihn noch.

An Dramen, die aufzuschlüsseln waren, hat es ihm in der dargestellten Bürgerwelt nicht gefehlt. "Pole Poppenspäler" – eine Puppenspielerfamilie aus München erscheint in Nordfriesland und entzieht einen Bürgersohn dem ordentlichen Leben. "Carsten Kurator" – ein leichtsinniger Sohn lebt schrittweise dem Abgrund entgegen und raubt der Familie jeden freien Atem. "Aquis submersus" – ein tragischer Fall: Der kleine Sohn ertrinkt, nicht weil der Diener unachtsam war, wie es in Storms Vorlage stand, sondern weil seine Mutter, eine Pfarrfrau, sich mit einem Künstler vergnügte. "Im Nachbarhause links" – zwei benachbarte politisch verfeindete Brüder nehmen schrittweise Vernunft an.

Storms Novellen haben die Epoche der Klassik und der Romantik im Rücken, es sind Dokumente einer noch betont dichterischen und zugleich realistischen Weltaufmerksamkeit, die nicht selten die Erfahrungen ihrer bürgerlichen Welt in der Vergangenheit ansiedeln. Er war im Norden, was Mörike im Süden, Keller in der Schweiz, Raabe in Braunschweig und Stifter in Wien war: auch im Abstand sehr gut lesbar. Storms "Schimmelreiter" ist Weltliteratur.

Nach dem Krieg mit Dänemark wanderte er nach Preußen aus

Der erdgeschichtliche Hintergrund der Erählung sind die Sturmfluten, die 1362 und 1634 Schleswig-Holstein auf der Westseite um fast ein Drittel verkürzt und nur Inseln hinterlassen haben. Sein politikgeschichtlicher Hintergrund ist der Krieg zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark, der 1848 dazu führte, dass Husum in Storms Augen ein Objekt dänischer Diktatur wurde und er für Jahre nach Preußen auswanderte, wo er zu Fontanes Literaturkreis stieß. Nord- und Südschleswig geriet 1864 durch den Gegenkrieg auf den Düppeler Schanzen unter preußische Herrschaft, und er konnte ins geliebte Husum zurückkehren. Als ihn aber Fontane angesichts der Siegesfreude Berlins aufforderte, wie er einen Hymnus zu schreiben, antwortete er: "Sind Sie des Teufels?"

Er war ein Gegner jedes militant uniformen Staates. Bismarck hat sich in der Verteidigung seiner Verfassung für Norddeutschland 1867 gerühmt, ein von Abstimmung nicht zu beugender Deichgraf gewesen zu sein. Ich vermute, dass er ein Vorbild des auf dem harten Weg des Erfolgs zerstörerischen Deichgrafen und Schimmelreiters Hauke Haien war. Andrea Paluch und der heute grüne Minister Robert Habeck haben 2001 eine nicht weniger gewagte Version vorgelegt: "Hauke Haiens Tod". Das Thema des Werks ist zumindest eins: aktuell.

Der Autor stammt aus Husum und lebt seit Jahrzehnten als Sprachwissenschaftler in Freiburg. 2016 erschien sein Roman

"Breklehem" über ein Dorf in Nordfriesland wärhend des Nationalsozialismus.

Autor: Uwe Pörksen