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12. August 2017

Die Wesen sehen mich an

Vom Kriegsroman zur Aufzeichnung der Jahreszeiten: Wilhelm Lehmanns Naturtagebuch / .

  1. Wilhelm Lehmann Foto: BZ

  2. Foto: gallinago-media (stock.adobe)

Vor kurzem ist der amerikanische Waldgänger und Aussteiger Henry David Thoreau, dieser "Pate des Nature Writing", gewürdigt worden (BZ vom 12. Juli). Es trifft zu, dass er in Deutschland erst allmählich entdeckt wird. In Freiburg gibt es allerdings einen Verleger, Derk Janßen, der vor zehn Jahren eindringlich auf Thoreau hingewiesen hat. Vor fast hundert Jahren gab es einen Dichter im Norden, Wilhelm Lehmann, der ihn hoch schätzte und den Verächtern seines Naturwanderns ähnlich hätte entgegnen können wie der in einer Waldhütte am See untergetauchte Thoreau: "Ist es nicht Beschäftigung genug, den Fortgang der Jahreszeiten zu beobachten?"

Als Lehmann 1959 in Stuttgart den Schillerpreis empfing, erklärte er: "Die physische Umwelt hat mich, seit ich die Augen öffnete, in Bann geschlagen, mein Leben kommt mir wie ein in ihre Richtung geschossener Pfeil vor. Die Wesen, die Dinge, Mitbewohner des Planeten, sehen mich an. Ihre Gegenwart belagert mich. Sie sind mir da. Sie verlangen nichts von mir, aber ich verlange, daß ich eines Augenblicks, eines Teils ihrer Rätselhaftigkeit innewerde. Vergebliches Bemühen? Dann eine Vergeblichkeit, die sich lohnt."

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Ein Ergebnis dieses Bemühens ist Lehmanns "Bukolisches Tagebuch", das vergriffen war und dessen Neuausgabe Hanns Zischler beim Berliner Verlag Matthes & Seitz angeregt hat, erweitert um eine Reihe prägnanter Kurzessays zu Sonderthemen und um ein präzises Register der Pflanzen und Tiere, die in diesem Naturtagebuch vorkommen. Es entstand in Eckernförde, wo Lehmann vormittags in der Jungmann-Schule unterrichtete und sich nachmittags immer wieder vor der Haustür auf seine Straße begab, die am Ende auf einen Landweg über die Halbinsel Schwansen führte: um sich von der Umgebung unterrichten und inspirieren zu lassen, zur Rechten das Ufer der Ostseebucht.

Fünf Jahre lang, von 1927 bis 1932, sandte Lehmann der Berliner Sonntagszeitung Die grüne Post im Rhythmus von 14 Tagen seine Notizen. Die Zeitung hatte eine enorme Auflage. Zunächst taucht der Erzähler noch als Kantor auf, dann nur noch als Stimme. Es handelt sich nicht um idyllische Hirtenpoesie, wie der Name "bukolisch" nahelegen könnte, auch nicht um einen klassifizierenden Blick auf Tier- oder Pflanzenarten, deren Benennung wir lernen sollen, sondern um ihr Leben, ihre Bewegung, ihren sich wandelnden Auftritt. Es ist ein Jahreszeitenroman der Natur in fünf immer schmaler werdenden Kapiteln. Siebzehn mal taucht die Haselnuss auf, jedes Mal in einem anderen Zusammenhang, einer anderen Gebärde.

Hanns Zischler gelingt es, in seinem fulminanten, vielseitig orientierten Nachwort das Buch in die Gegenwart zu transportieren. Es sind der Stil, der überraschende Einfall, der kraftvolle verbale Ausdruck eines Handelns und Geschehens, der inspirierte Blick, der den Leser immer wieder sofort einsteigen lässt. Lehmann verachtete das Klischee, war ideologiegeschädigt, hätte sich wohl selbst einem Verein der Nature Writer nicht angeschlossen, aber er war besessen von Genauigkeit. "Wir verletzen ständig unsere Pflicht den Phänomenen gegenüber". Den Mauerseglern fühlt er sich verpflichtet, widmet er zweimal eine längere Passage, ihrer Ankunft wie ihrem traurigen Abschied. Im Frühjahr heißt es: "Man muß jetzt aufpassen. Es fällt schwer, dem wilden Ansturm der Erscheinungen gerüstet gegenüberzustehen, die Tage so lang zu machen, dass nichts unbemerkt entschwindet." Aber: "Die Wahrheit ist uns nur einen Blitz, manchmal ein Gedicht lang gegönnt." "Wenn der Ostwind aufhört, kuschelt sich gleichsam das Land hin, wie eine Eidechse den Rücken abplattend, damit die Sonne jeden Fleck bestrahlen kann."

Anemone, Blasentang, Farnkraut, Kuckuckslichtnelke – vom Ackerhornkraut bis zur Zypressenwolfsmilch regen sich in dem Buch etwa 330 Pflanzen, vom Aal bis zur Zwergmaus bewegen sich 250 Tiere – ohne dass das Buch irgendwo statistisch erscheint oder gar anödet. Irgendwo fällt die Bemerkung, die uns heute auf den Nägeln brennt: "Jedes Tier, das vergeht, jedes Lebewesen, das ausstirbt, verdünnt das Weltvokabular..." – das war ihm noch selbstverständlich!

Der Entschluss, sich dieser Arbeit zu widmen, taucht in der Mitte von Lehmanns "Überläufer" auf, seinem außerordentlichen Kriegsroman, den er in den Jahren 1925 bis 1927 geschrieben hat und der, von zehn Verlagen abgelehnt, in den 1960er Jahren – wenig beachtet – erschienen ist. Lehmann war im Ersten Weltkrieg desertiert und erlebte in dem Augenblick des Überlaufens, wie die Umwelt sich sozusagen vor ihm verneigt, ihm zustimmt, seine Hände streift. Dieser Krieg war in seinen Augen ein absoluter Wahnsinn, die Rettung aus der Verstörung geschieht in Momenten der Versenkung in ein Naturgeschehen.

"Lehmann gelingt es, die Landschaft und ihre Jahreszeiten so zu beschreiben, wie man sie noch nie gesehen und darüber so noch nie gelesen hat – und dabei trotzdem nirgends gesucht zu wirken", schrieb Stephan Wackwitz kürzlich in der FAZ. Als er vor zwei Jahren in Eckernförde den Wilhelm Lehmann Preis erhielt, war ihm dieser Autor noch unbekannt gewesen. Lehmann ist zweimal entdeckt und wieder vergessen worden, nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zweiten wurde er gefeiert und danach war er wieder nahezu verschwunden.

Aus der fortlaufenden Arbeit an seinem Naturtagebuch gingen wie von selbst Gedichte hervor. 1935 veröffentlichte der 52-Jährige seinen ersten Gedichtband: "Antwort des Schweigens". Im Oktober 1939, bei Beginn des Kriegs, bot er der Frankfurter Zeitung seine vielleicht schönste Erzählung an: "Die Kastanien". Es ist der Hymnus eines absonderlichen, hinausgeworfenen, von ihm hochgeachteten Aussteigers auf die Früchte des Herbsts. Drei Mitarbeiter überlegten drei Wochen, ob sie das bringen dürften, um die Erzählung dann bedauernd wieder aus der Hand zu geben.

Auch sein letztes Gedicht sandte Lehmann hochbetagt in unsicherer Handschrift 1968 nach Frankfurt:

Letzte Tage

Ausgelaufen ist der Krug.
Erde spricht, es ist genug.
Chrysanthemen hat ein Freund vors
Bett gestellt,
Lockenhäupter, Würzgeruch der
Welt…

Der Freund war Siegfried Lenz.

Wilhelm Lehmann: Bukolisches

Tagebuch und weitere Schriften zur Natur. Mit einem Nachwort von Hanns Zischler. Verlag Matthes § Seitz. Berlin 2017. 292 Seiten, 22 Euro

Autor: Uwe Pörksen