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13. Oktober 2017

Buchmesse

Frankreich erobert Frankfurter Buchmesse

130 Autoren sind im Zeichen des Gastlands der Buchmesse angereist. Große Auftritte haben Michel Houellebecq und Yasmina Reza im ausverkauften Frankfurter Stadttheater hinter sich gebracht.

  1. Nicht unbedingt romantisch: der Pavillon des Gastlandes Frankreich auf der Buchmesse Foto: dpa

  2. Begehrt: Didier Eribon Foto: dpa

Mehr Literatur geht nicht. Allein 130 Autoren sind im Zeichen des Gastlands der Buchmesse angereist – um keineswegs nur im französischen Pavillon zu lesen. Große Auftritte haben Michel Houellebecq – der einen einstündigen Monolog über den Roman hielt – und Yasmina Reza im ausverkauften Frankfurter Stadttheater hinter sich gebracht. Im Mousonturm finden Poetry Slams und literarische Bälle statt. "Francfort en français / Frankfurt auf Französisch": Das haben die Organisatoren des Gastlandauftritts auch wörtlich genommen. Nicht alle Autoren allerdings sind mit der Präsentation des Literaturlands Frankreich einverstanden: Aus Protest gegen die Rede von Emmanuel Macron ist etwa der Autor Jean-Christophe Bailly vorzeitig abgereist. Er hat ein Buch mit dem Titel "Fremd gewordenes Land" geschrieben, das die vielschichtige Realität Frankreichs fernab der Metropole Paris zu fassen sucht. Baguette, Rotwein und Bistrokultur: So idyllisch, wie sich das Gastland im Pavillon präsentiert, geht es nur noch im Klischee zu. Frankreich, sagt Baillys Verleger Andreas Rötzer von Matthes & Seitz, ist ein anderes Land als in den romantischen Vorstellungen der Frankophilen.

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Auch die Gestaltung des Pavillons verstößt gegen diese Romantik: Sperrige Holzgestelle wie von Ikea importiert beherrschen den in Sonnengelb (Teppich) und Rot (Schrift) gehaltenen Raum. Entworfen haben sie Studierende der Design-Hochschule von Saint-Etienne: Sie sollen zugleich abbaubares Baugerüst und Bibliothek sein. Auch die 40 000 Bücher lagern nicht zum Selbstzweck in den verwinkelten Regalen. Afrikanische Kinder und Jugendliche sollen sie nach der Messe bekommen. Im Labyrinth der hölzernen Türme kann man sich fast verlieren. Großen Platz nehmen die Comics und Graphic Novels ein – ein Genre, in dem Frankreich anerkanntermaßen zumindest in Europa führend ist. Auch den Kinderbüchern räumt der Pavillon viel Raum ein. Dass Frankreich auch sonst ein großes Literaturland ist, muss man sich denken: Fotos von Autoren sucht man vergebens. Aber natürlich sind sie da und lesen auch auf der Großen Bühne, dem Herzstück des Pavillons. Dieses für Debatten wie geschaffene Forum hat etwas von einer Agora – im zeitgenössischen Modulformat. Während es von den französischen Autoren nur wenige in den Messehallen auf blaue Sofas oder die Stände der großen Zeitungen geschafft haben – Didier Eribon ist eine große Ausnahme –, ist ein deutscher Verleger auch im französischen Pavillon gefragt: Manfred Metzner vom Heidelberger Verlag Das Wunderhorn verlegt bereits seit den 1980er Jahren Autoren von den geografischen Rändern der französischen Sprache und hat seitdem das Thema Migration im Blick. Dass die Literatur des Landes keineswegs nur in der Metropole Paris entsteht: Diese Erkenntnis führte bei Wunderhorn zur Entdeckung von kreolischen Autoren wie dem wunderbaren Edouard Glissant oder in neuerer Zeit Patrick Chamoiseau und Dany Laferrière, die die Freiburger Übersetzerin Beate Thill in Deutschland heimisch gemacht hat. Heute spricht man in Frankreich wie selbstverständlich von Frankophonie – und die Maghrebinerin Leila Slimani kann den Prix Goncourt gewinnen.

Ansonsten: Belebtes Geschäft wie in jedem Jahr. Manch einer denkt sich neue Dinge aus wie den "Bücher-DJ", bei dem sich der potenzielle Leser sein Buch nach Coverfarbe, Wahl der Grundstimmung (Romantiker oder Weltenbummler) und dem Ort des Geschehens (Alpen oder Metropolen) aussuchen kann. Das Modell scheint ausbaufähig zu sein – oder lieber nicht. Seit dem vergangenen Jahr gibt sich die Messe auch der Kunst gegenüber aufgeschlossen: Große Pfeile am Boden weisen den Besucher auf den "Arts+"-Bereich hin, an dem er auf eher fragwürdige Installationen stößt. Sehr beliebt ist die sogenannte Gourmet Gallery, wo in unmittelbarer Nachbarschaft zum politischen "Weltempfang" die "globale Koch-Community" zeigt, was sie so drauf hat.

Von einer Erosion des Buchs kann trotzdem keine Rede sein. Es bleibt das Objekt des Begehrens und des Geschäfts. Dass auch Autoren keine besseren Menschen sind, selbst wenn sie die Moral auf ihrer Seite wissen, kann man zum Beispiel am Wechsel der Bestsellerautorin Juli Zeh vom Frankfurter Schöffling Verlag zu Random House ablesen. Der frischen SPD-Genossin wurde dem Vernehmen nach eine Summe für ihren neuen Roman geboten, bei der kein kleiner Verlag nur annähernd mithalten kann. So verdirbt der Verlagskonzern den Konkurrenten das Geschäft.

Verlage brauchen Rahmenbedingungen, damit sie sich behaupten können. Die Kanzlerin versprach bei der Eröffnung der Messe, sich für Nachbesserungen beim Urheberrecht einzusetzen. Und der Börsenvereinsvorsteher forderte die Wiederbeteiligung der Verlage an den Vergütungen der VG Wort. Mal sehen, was sich davon bis zur Buchmesse 2018 umsetzen lässt. Sicher ist, dass das nächste Gastland Georgien heißt.

Einen Vorgeschmack auf die wilde Nation zwischen Europa und Asien, die ein eigenes Alphabet entwickelt hat, gab die Autorin Nino Haratischwili. Bei der Vorstellung des neuen Gastlands stellte sie per Video ein Land der Extreme in Aussicht, dem die goldene Mitte fehle. Ihr Roman "Das achte Leben (Für Brilka)", das sich mit 85 000 Exemplaren sensationell gut verkaufte, ist selbst Zeugnis davon. Joachim Unseld, der Haratischwili entdeckt hat – und die Novelle des letztjährigen Buchpreisträgers Bodo Kirchhoff am Stand seiner Frankfurter Verlagsanstalt kostenlos unter die Leute bringt –, darf sich freuen. Ein neues Buch von Haratischwili ist für den nächsten Herbst angekündigt.

Autor: Bettina Schulte