Ein Parforceritt durch die Geschichte der Gewalt

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Di, 28. August 2018

Literatur & Vorträge

Hartmut Langes Novellenband "Auf der Prorer Wiek und anderswo" spürt die zerstörerische Kraft menschlicher Bösartigkeit auf.

Hartmut Lange ist einer der großen Unbekannten der deutschen Literatur. Selten war das Missverhältnis zwischen literarischem Rang und öffentlicher Wahrnehmung so eklatant wie bei dem Berliner Autor. Wer einen Einstieg sucht, dem sei der 2017 zum 80. Geburtstag wieder aufgelegte Novellenband "Die Waldsteinsonate" ans Herz gelegt: ein Werk, das in der sprachlichen Meisterschaft, tiefgründigen Psychologie und avantgardistischen Kühnheit seinesgleichen in der deutschen Gegenwartsliteratur sucht; ein Buch auf Augenhöhe mit den Novellen Heinrich von Kleists, von dem übrigens einer der Texte handelt.

Etwas leichtgewichtiger, leichtfüßiger kommt Langes Erzählkunst in seinem neuen Novellenband "Auf der Prorer Wiek und anderswo" daher. Im Vergleich zur "Waldsteinsonate" ist die Dramatik der Inhalte gemäßigt. Dennoch trifft Goethes Definition der Novelle als Erzählung einer "unerhörten Begebenheit" bei den meisten Texten ins Zentrum. Mag rein äußerlich betrachtet in mancher Novelle wenig geschehen – fürs innere Erleben der Figuren ist das Wenige von umso größerer Bedeutung; mitunter von existentieller Tragweite. Vor der Erkenntnis, dass ihr Mann sie jahrelang betrogen hat, ist eine Rechtsanwältin aus Frankfurt an die Prorer Wiek geflüchtet. Sie kann ihr Eheunglück an der Ostsee nicht vergessen. Hartnäckig ruft ihr der Katalog einer Munch-Ausstellung mit der Aufschrift "Liebe, Angst, Tod" in der Auslage eines Antiquariats das subtile Gewaltverhältnis ihrer Ehe ins Gedächtnis. Weil es ihr nicht gelingt, "auf trostlose Weise vernünftig zu sein", kehrt sie von einer Rundfahrt nicht zurück. Nur ihre Brieftasche findet man auf dem Schiff.

Verfehltes Leben – verkehrte Kunst: In der einleitenden Novelle gelangt ein Künstler zu der Einsicht, dass er mit seiner bunten Farbmalerei lediglich die Trostlosigkeit des Daseins kaschiert; seine Kunst, geht ihm auf, hat "nichts mit mir zu tun". "Auf der Spanischen Treppe" handelt von der zerstörerischen Kraft menschlicher Bösartigkeit. Während in einer weiteren Novelle die Konfrontation mit der Sterblichkeit des Menschen einem Romtouristen die Illusion zerstört, durch archäologische Restaurierung vergangenen Lebens verlöre der Tod seinen Stachel. Der Held, der sich "In der Villa Albani" auf die Spuren geschichtlicher Vergangenheit begibt, wird bedrohlich von der Gegenwart eingeholt.

Die "Drei Reiter" schließlich, denen ein Tourist nahe den römischen Katakomben begegnet, wandeln in gespenstischer Weise ihr Äußeres. Dem Eingeschüchterten erscheinen sie bald als antike Römer, bald als mittelalterliche Ritter oder Sansculotten, zuletzt als Sowjetkommissare: ein Parforceritt durch die Gewaltgeschichte. Der Anführer zieht ihre Linien bis zur Gegenwart – im Abschiedswort an den Touristen und seinen Begleiter im letzten Satz des Buchs. Die apokalyptischen Gestalten tragen jetzt Windjacken und Jeans: "Wir sehen uns also auf der Piazza del Popolo. Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod".

Hartmut Lange: Auf der Prorer Wiek und anderswo. Novellen. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 128 Seiten, 16,99 Euro.