Ein Roman wie ein Song

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Sa, 11. August 2018

Literatur & Vorträge

James Baldwin schrieb seine letzten Romane im Künstlerort Saint-Paul-de-Vence: "Beale Street Blues" erscheint jetzt auf Deutsch.

Tish ist 19, Fonny 22, sie kennen sich seit sie sechs und er neun war, hingen aneinander wie Geschwister. Irgendwann war es mehr als das. Jetzt bekommt Tish ein Kind von ihm. Es hätte eine einfache Liebesgeschichte sein können. Aber Tish und Fonny sind schwarz. Ihre Familien mögen sich nicht und streiten über Nuancen in der Hautfarbe. Den weißen New Yorkern der 1970er-Jahre sind Nuancen egal. Es spielt keine Rolle, dass Fonny nicht auf Droge und kein Krimineller ist, dass er weiß, was er kann und will, dass er eine Bleibe für sich und Tish gefunden hat, in der er seinen künstlerischen Ambitionen nachgehen kann. Wenn der weiße Polizist ihn im Knast sehen will, bringt er ihn rein. Dass er Vater wird, erfährt er von Tish über ein Tischtelefon durch die Trennscheibe im Besucherraum. Die Love-Story wird zum Blues – zum Beale Street Blues, wie der Titel des gerade erschienenen zweiten Bandes der Neuübersetzung von James Baldwin präzisiert.

Beliebter Anlaufpunkt für Freunde aus den USA

Es ist Baldwins vorletzter Roman, geschrieben im französischen Exil. Nach den Morden an Malcolm X und Martin Luther King brauchte er, um sich wieder der Literatur widmen zu können – wie gut zwanzig Jahre zuvor schon einmal – Distanz zu den Kämpfen gegen Rassismus und für Bürgerrechte in den USA. Er ging in düsterer Stimmung. Den amerikanischen Traum, dass diese Gesellschaft der Zugewanderten friedlich zusammenfinden könnte, hielt er für ausgeträumt. Wut und Hass waren nicht die Ratgeber, die Baldwin für sein Schreiben bevorzugte, aber in "Beale Street Blues" werden genau diese Emotionen punktuell hochgespült – im Hass auf den Polizisten mit den blauen Augen, in der ohnmächtigen Wut gegen seine Willkür. Um diesen Gefühlen beim Schreiben nicht die Oberhand zu lassen, musste Baldwin weg und 1970 nach Frankreich übersiedeln.

Er wählte das Städtchen Saint-Paul-de-Vence oberhalb von Nizza und Cannes zum Exil. Der Ort hatte sich seit dem ersten Filmfestival 1946 zu einem Rückzugsort für trubelmüde Prominente entwickelt. Maler wie Picasso, Matisse und Miró hatten im dortigen Colombe d’Or ihre Mahlzeiten mit Bildern bezahlt, Yves Montand seine spätere Frau Simone Signoret kennengelernt. Für das Leben der Bohème war St. Paul gerüstet, dafür, dass mit Baldwin ein schwuler schwarzer Bürgerrechtler ein Haus im Chemin du Pilon bezog, weniger. Die einheimischen Bauern, Winzer und seine Vermieterin beäugten ihn misstrauisch bis feindselig. Andererseits war sein Domizil beliebter Anlaufpunkt für Freunde aus den USA. Nina Simone, Josephine Baker, Miles Davis, Harry Belefaonte, Ella Fitzgerald und Ray Charles schauten vorbei, neben Yves Montand und Marguerite Yourcenar schloss Baldwin Freundschaft mit Marc Chagall und Rolling-Stones-Bassist Bill Wyman, die sich ebenfalls in Saint-Paul niedergelassen hatten. In dieser kreativen Atmosphäre schrieb Baldwin seine letzten beiden Romane, sogar eine Bühnenshow mit Ray Charles entstand dort.

Der Einfluss so vieler grandioser Musikerinnen um ihn herum durchzieht auch "Beale Street Blues". Im Grunde muss man den Roman wie einen langen, von der 19-jährigen Ich-Erzählerin angestimmten Song lesen. Die Sprache ist der Sound der Schwarzenviertel, wie Baldwin in der Vorbemerkung schreibt. Beale Street, die er seltsamerweise in New Orleans statt in Memphis verortet, ist für ihn überall, wo Schwarze in den USA geboren werden. Der gleichnamige Blues, den Louis Armstrong berühmt machte, stammt aus der Feder von W.C. Handy, der gern als "Vater des Blues" bezeichnet wird, obwohl solche Dinge immer viele Väter und Mütter haben. Handy war der Sohn freigelassener Sklaven, der sich vom Begleitmusiker in den rassistischen Minstrel-Show zum eigenständigen Bandleader hochspielte.

Das ist der Sound, an dem sich Baldwin abarbeitet, der den Takt für den unbändigen Willen zur Selbstbehauptung vorgibt, den Tishs Familie so wunderbar zum Klingen bringt, der Baldwins Bücher überhaupt durchzieht und auch aus diesem Roman große Literatur macht. In diesem Blues liegt die Möglichkeit von Verständigung und Versöhnung. Im Roman haben immer wieder Menschen ein Ohr dafür – die italienische Gemüseverkäuferin, die Fonnys erste Verhaftung verhindert, Levy aus der Bronx, der dem Paar Wohnraum vermietet oder der spanische Restaurantbesitzer Pedrocito, der Tish mehr Stütze ist als für Wirte üblich, vielleicht sogar der weiße Anwalt, der Fonny rausholen soll.

Auch Frankreich entwickelte mit der Zeit ein Ohr für Baldwins literarische Tonlage, wenn auch spät: 1986, ein Jahr vor seinem Tod, ernannte Mitterand Baldwin zum Kommandeur der Ehrenlegion. In der Wahlheimat Saint-Paul muss man sich allerdings bis heute mühsam auf Spurensuche nach ihm begeben. Dem gedenk tafelosen Haus im Chemin du Pilon droht der Abriss. Aber der Blues spielt weiter. Demnächst im Kino. Oscar-Preisträger Barry Jenkins veröffentlichte kürzlich zu Baldwins 94. Geburtstag den Trailer zu "If Beale Street Could Talk", der im Herbst in die Kinos kommt.

James Baldwin: Beale Street Blues. Roman. Aus dem Amerikanischen von Miriam

Mandelkow. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2018. 221 Seiten, 20 Euro.