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15. November 2017

Eine Grauzone, ein Niemandsland

Oliver Bottinis neuer Krimi "Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens" erzählt vom Landgrabbing in Rumänien.

  1. Oliver Bottini Foto: BZ

Ein düsteres Kapitel aktueller Zeitgeschichte aus Rumänien und dem Osten Deutschlands. Scheinbar rätselhafte Ereignisse und verwirrende Dialoge. Ein melancholischer Polizist und sein alkoholsüchtiger Kollege. Das sind die Zutaten für "Der Tod in den stillen Winkeln", Oliver Bottinis neuen Kriminalroman. Es geht um Landgrabbing, den Kauf und Verkauf von Ackerland – ein Thema, das den in Berlin lebenden Autor schon länger umgetrieben hat. Es geht um die "Grauzonen des Rechts und einem Niemandsland zwischen traditionellen Landrechten und modernen Eigentumsverhältnissen", wie es der Welt-Agrarbericht formuliert.

In dieser Grauzone, diesem Niemandsland nach der Revolution gegen das sozialistische System in Rumänien, rund einen Monat nach dem Zusammenbruch der DDR, müssen Bottinis Ermittler Ioan Cozma und Ciprian Rusu, genannt Cippo, den Mord an der Tochter des Deutschen Jörg Marthen aus Prenzlin, Chef von JM Romania, eines großen Landwirtschaftsbetriebs, aufklären. Er lebt in ständiger Konkurrenz mit Investoren und Spekulanten aller Nationen, die sich hohe Profite durch den Handel mit Ackerboden sichern, ähnlich wie häufig in den ostdeutschen Ländern mit ihren gravierenden Fehlern und Betrügereien bei der Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). So gelingt Bottini über die Figuren wie das Thema eine starke Verbindung.

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Cozma und Cippo sind schon mehr als 30 Jahre im Dienst. Und beide haben eine Vergangenheit, über die sie nicht gerne reden. Vielmehr versuchen sie, möglichst unauffällig die paar Jahre bis zu ihrem Ausscheiden zu verbringen. Jetzt aber bekommen sie es im Rahmen ihrer Ermittlungen auch mit dem Bukarester Institut zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen (IICCMER) und der Nationalen Antikorruptionsbehörde (DNA) zu tun.

"Er wusste jetzt, es war für immer. Hier und heute war für immer." So endet der Prolog des Romans. Eine Familie auf der Fahrt von Prenzlin nach Dänemark gerät in Mecklenburg in ein fürchterliches Unwetter. Autos und Lkw krachen ineinander. Nur Michael Winter überlebt. Seine Frau und die beiden Kinder sterben.

Ein rätselhaftes Vorwort, das zunächst mit den folgenden Kapiteln nicht in Verbindung zu bringen ist. Die Verwirrung, die Oliver Bottini damit erzeugt, ist wesentlicher Bestandteil des großartigen Spannungsbogens des Romans. Der Text entwirft Bilder voll mit traurigen und resignierten Menschen, die ihren schicksalhaften Weg zu Ende gehen (müssen): die Familie Lascu mit Adrian, dem jüngsten Sohn, des Mordes an Lisa verdächtig, in die er offensichtlich verliebt war und dem ältesten, Razvan, der ein Neonazi ist. Jörg Marthen, dessen Tochter ermordet wurde, und sein langjähriger Freund und Verwalter Michael Winter, der ehemals Jörgs Schwester Anett liebte. Der alkoholsüchtige Cippo, der von einer Kreuzfahrt träumt. Die Pilotin Ana Desmeran, die Händler mit einem Hubschrauber durch die Gegend fliegt und dabei nach dem Ort sucht, wo ihre von der Securitate getöteten Eltern verscharrt worden sein können. Und Ioan Cozma, der zwei gescheiterte Ehen hinter sich und mit der Welt abgeschlossen hat. Sie alle gehören zu den Verlierern in einem Land, das sich internationale Investoren aufteilen. Bald müssen die Bewohner für ihre Nachfolger das Feld räumen. Es fallen Sätze wie: "Irgendwann muss man anfangen, über das vergangene Leben nachzudenken, darüber zu lachen und zu weinen, damit man dereinst Abschied nehmen kann."

Dem Roman liegen umfangreiche Recherchen Bottinis und Gespräche zugrunde, bei denen er viele hilfsbereite Menschen kennenlernte: "2021 ist Temeswar Europäische Kulturhauptstadt, spätestens dann möchte ich wieder hin", sagt er – eine Liebeserklärung an ein Land, das er in seinem Roman trotz vieler unfassbarer Grausamkeiten der Geschichte in wehmütig leisen und literarisch poetischen Tönen zeichnet.

Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens. Roman. Dumont Verlag Köln 2017. 512 Seiten, 22 Euro.

Lesung: Do, 16. November, 20 Uhr, Freiburg, Buchhandlung Rombach.

Autor: Mechthild Blum