Eine Utopie, für die es sich zu kämpfen lohnt

Das Gespräch führte René Zipperlen

Von Das Gespräch führte René Zipperlen

So, 13. Januar 2019

Literatur & Vorträge

Der Sonntag Ach, Europa: Ein musikalisch-literarischer Abend über Stefan Zweigs Erinnerungen "Die Welt von Gestern".

Mit großer Euphorie erzählt der Schriftsteller Stefan Zweig in seinen Memoiren "Die Welt von Gestern" vom europäischen Aufbruch – und zeigt sich niedergeschlagen von der im Krieg zerstörten Vision. Für den Freiburger Regisseur Gerd Heinz ist das eine Mahnung ans Heute.

Der Sonntag: Herr Heinz, Sie widmen Stefan Zweigs Erinnerungswerk "Die Welt von Gestern" einen Abend. Dank der Serie "Babylon Berlin" sind die 20er Jahre gerade wieder sehr en vogue, vor zwei Jahren widmete Maria Schrader Zweigs letzten Jahren im Exil einen berührenden Film. Dabei schien es um den Historiker und Schriftsteller eher still geworden.

Da haben Sie völlig recht. Die neue Aufmerksamkeit kommt uns nun natürlich entgegen. Als Lucas Feld und ich uns vor einem Jahr über die Frage unterhielten, ob "Die Welt von Gestern" nicht lohnend sein könnte für einen Abend, schien es uns wie ein Volltreffer, dass prompt Wochen später in vielen Feuilletons stand, dass man mal wieder Zweig lesen müsse, wegen der Aktualität zu unseren Europa-Debatten.
Der Sonntag: Was hat Sie besonders an diesem Werk gereizt?

Zum einen ist es ein wunderbar melancholisch-nostalgisches Buch über Europa von der Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg. Zum anderen ist es mehr als ein Abgesang auf eine Epoche: Es ist ein Warnruf für die Gegenwart. Dieses Europa, das Zweig in seinem Werk beschwört und das er selbst stets versucht hat zu vertreten, hat im Moment eine hohe, wenn auch utopische Aktualität. Man muss da nicht einmal an den Brexit denken. Allein die ganze Missgelauntheit gegenüber der EU, die ja doch ein rein ökonomisches Dach ist. Zweig dagegen wollte ein Europa der Kultur.
Der Sonntag: Zweigs Text ist persönliche Erinnerung und soziopolitische Beschreibung zugleich. Wo legen Sie Schwerpunkte?

Auf seine Idee eines Europas der Kultur. Die Habsburger Monarchie hatte es ja geschafft, viele Völker in sich zusammenzuhalten. Wie der Commonwealth oder die Pax Romana. Für mich lag der Schwerpunkt daher immer auf den Begegnungen in den Metropolen mit dem, was Europas Bestes ausmacht: die unglaubliche Vielfalt der Kunst und Kultur, die keine Grenzen kennt und nicht nationalistisch wird.
Der Sonntag: Wie hat Zweig auf die Kriegseuphorie so vieler Kollegen reagiert?

Mit großer Verwunderung, und Ungläubigkeit. Zweig war Pazifist und trug ein hochvirulentes Gegengift in sich. Das war uns ein wichtiges Thema: Wie die Intellektuellen eine schleichende Veränderung verpasst haben. Der frühere Stuttgarter Theaterintendant Hasko Weber hat gerade in der Badischen Zeitung daran erinnert, dass niemand damit gerechnet hat, dass plötzlich die AfD in den Landtagen sitzt. Zweigs Buch kann hier zu einer höheren Aufmerksamkeit ermuntern.
Der Sonntag: Zweig spricht voller Euphorie über die "geistige Einigung Europas" nach 40 friedlichen Jahren. Andererseits deutet er an, wie die Intellektuellen vor dem Ersten, dann wieder vor dem Zweiten Weltkrieg versagt hätten.

Ja. Sehr bitter beklagt er deswegen das Scheitern jeden Bemühens, das in eine politische Form zu bekommen. Ich denke, das Buch ist ein deutliches Menetekel: Wir leben ja selbst seit 70 Jahren wie auf einer Insel in einer Zeit unglaublichen Friedens. Und wenn Zweig beschreibt, wie sich die fortschrittliche Elite in Grabenkämpfen zerreißt und es nicht schafft, eine tragfähige Gemeinschaft zu etablieren, die dieses Europa des Humanismus verteidigen kann, ist das ein ganz aktueller Fingerzeig an die Gegenwart. Wir sehen jetzt ja langsam den Versuch scheitern, ein rein ökonomisches Europa zu bauen.
Der Sonntag: Kann man denn die ökonomische von der kulturellen Einheit trennen?

Nein. Aber ich bin der Meinung, man hat das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt, man hätte nicht mit der wirtschaftlichen Vereinigung beginnen sollen, bevor die kulturelle hergestellt ist. Eine rein wirtschaftliche Sicht ist nicht tragfähig, das haben wir doch an der Griechenlandkrise gesehen, in der man auf die spezielle kulturelle Eigenheit eines Landes gar nicht einging. Man kann diesem vielfältigen Kontinent nicht einfach merkantile und ökonomische Parameter überstülpen.
Der Sonntag: Das "geistige Europa" hat aber selbst einen etwas elitären Ruch. Auch das hat Zweig erlebt. Es gab keinen breiten Widerhall.

Er hielt seine Lebensaufgabe ja auch für gescheitert. Wir erleben heute wieder eine sehr bedenkliche Situation, so ist das Buch eine aktuelle Warnung. Und es fächert noch einmal diesen unglaublichen Reichtum Europas auf, den wir verteidigen sollten.
Der Sonntag: Als Zweig ins Exil ging, war er weltberühmt. Kollegen wie Thomas Mann oder Brecht blühten im Exil fast auf. Warum gelang das Zweig nicht?

Was ihm psychologisch widerfuhr, bleibt ein wenig im Dunkeln. Merkwürdig ist sicher, dass er sich für Brasilien statt für die USA entschied. Das war sicher ein Irrtum. Und dann liegt bei ihm eine gewisse Melancholie vor, die am Ende in eine schwere Depression mündet. Während sich andere noch einmal nach vorne orientieren konnten, war für ihn mit dem Weltkrieg ein Ende erreicht. Seine Kampfkraft erlahmte. Mir kommt es vor, als wäre hier ein Mensch plötzlich in sich zusammengefallen.
Der Sonntag: Zweig beschreibt auch viele Komponisten, die bei ihm in Salzburg ein und aus gingen. Was für Musik haben Sie und Lucas Feld für den Abend ausgewählt?

Wir wollten das Buch nicht musikalisch bebildern, sondern eine dramaturgische Linie bauen. Wir beginnen mit einer modernen Komposition des fast vergessenen Friedrich Gernsheimer und kommen am Ende zu Mendelssohn-Bartholdy, erinnern aber auch an den Wiener Salon oder die Avantgarde um Anton Webern. Oft gibt es Gegenbewegungen, dialektische und hintergründige Anknüpfungspunkte zum Text: etwa, wenn nach einer niederschmetternden Passage eine sehr schöne, fast süßliche Musik von Richard Strauss erklingt, mit dem Zweig zusammengearbeitet hatte.
Der Sonntag: Was würde Zweig über die heutigen Europa-Debatten denken?

Das ist ein müßiges Gedankenspiel. Wahrscheinlich würde er nach dreimaligem Rotieren warnen: "Lest mein Buch!"
Das Gespräch führte René Zipperlen
Stefan Zweig "Die Welt von Gestern.". Von und mit Gerd Heinz, Lucas Fels und Axel Gremmelspacher. Heute, 18 Uhr, Burghof Lörrach. Eintritt: 27 Euro.