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17. August 2017

Experimente beim Davos Festival für junge Musiker

Beim Davos Festival für junge Musiker wird mit Formaten und Aufführungsorten experimentiert.

  1. - Foto: Rudiger

Die Glastür des Konzertsaals wird geöffnet. Der Pianist steht auf und begrüßt mich persönlich. Aus den Karten, die er mir hinhält, ziehe ich George Gershwins "Embraceable You" in einer Bearbeitung von Earl Wild. Dann nehme ich auf dem einzigen Sessel Platz. Niemand raschelt mit dem Programmheft, keiner hustet. Ich bin ganz alleine mit Benjamin Engeli, der am Konzertflügel die ersten zarten Töne spielt. Die Welt draußen vor der Glasscheibe ist weit weg.

Die hin- und herwogenden Akkordbrechungen verbinden sich mit den gefrästen Wellen auf der Holzwand zu einem großen Ozean, auf dem ich mich gerne treiben lasse. Der Klang des Konzertflügels, der nur einen Meter von mir entfernt steht, umarmt mich, bis ich wieder, ganz von Musik erfüllt, in den Alltag entlassen werde. Ein Handschlag, ein paar Worte, dann ist der nächste Konzertbesucher an der Reihe. Die sogenannte Spielbox, die erstmals beim Davos Festival (Young Artists in Concert) in Betrieb ist, war schon länger ein Traum des Intendanten Reto Bieri. Jetzt wurde sie von einer ortsansässigen Schreinerei realisiert. Der gläserne, schallgedämmte Container mit dem schönen Holzboden kann überall hingestellt werden.

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"Die Konzertsäle werden immer größer, die Programme austauschbarer. Dabei geht häufig das individuelle Musikerlebnis verloren. Wir bieten in Davos nun mit dem kleinsten Konzertsaal der Welt die größte Exklusivität", sagt Bieri. Ein Musiker trifft auf einen Zuhörer: persönliche Begegnung statt Massenevent. Die Spielbox sorgt für Intimität, Direktheit und oftmals große Emotionen. Auch Tränen sind schon geflossen bei diesen fünfminütigen, kostenlosen Konzerten, die während der Festivalzeit jeden Tag zwischen 11 und 12 Uhr auf dem belebten Bubenbrunnenplatz zu genießen sind.

32 Stücke wurden für den 18 Quadratmeter großen Raum komponiert – von Rico Gublers sich auflösendem Walzer bis zu "Fake News" von Reto Bieri selbst, bei dem der Zuhörer heftige Emotionen vorspielen muss. Am Sonntagmorgen sind alle Termine schon reserviert. Auch der neunjährige Jon Arvid schaut mit seiner Familie vor einer Mountainbike-Tour bei der Spielbox vorbei. "Ich war schon etwas aufgeregt, aber dann war der Pianist sehr nett und hat mir etwas zu dem Stück erzählt. Es ging um Vögel, die in der Mittagszeit weniger pfeifen." Maurice Ravels "Oiseaux tristes" wird für Jon zum persönlichen Naturerlebnis. Auch für den Pianisten Benjamin Engeli ist die 1-zu-1-Situation in der Spielbox besonders. "Die Reaktion des Zuhörers ist extrem direkt – so ein ehrliches Feedback hat man sonst nie im Konzertsaal."

Auch für Nonsens ist

Platz auf Bieris Spielwiese

In Davos wird mehr über Musik nachgedacht als bei anderen Festivals. Hörgewohnheiten werden hinterfragt, neue Konzertorte ausprobiert – ob am See, auf der Alm oder im Bahnhof. Das Jahresmotto ist dem Alltag entnommen. Nach "Kreisverkehr" und "Familienzone" hat Reto Bieri im dritten Jahr seiner Intendanz den "Spielplatz" zum Leitthema gewählt. Der Name ist Programm. Im Morgenkonzert ("Schachzüge") in der Pauluskirche spielt Alexander Boeschoten im Schachwalzer Nr. 1 eine Partie von Karpow gegen Kasparow am Klavier nach – die Takte des Strausswalzers werden nach Schachfeldern kombiniert. Bei der langen "Homo-Ludens-Nacht" im Hotel Schweizerhof trifft Mozarts beim Kegeln komponiertes "Kegelstatt-Trio" auf die von Gilles Grimaitre vibrierend gespielte Jazzsonate für Klavier solo von George Antheil. Die Chopin-Performance des polnischen Ensembles Male Instrumenty auf verstimmten Spielzeugklavieren erinnert in ihrer Absurdität ein wenig an den legendären Hurz-Auftritt von Hape Kerkeling.

Aber auch für Nonsens ist Platz auf Reto Bieris Spielwiese, die immer auch ein Experimentierfeld ist. Mit dem 13-köpfigen Davos Festival Kammerchor unter der Leitung von Andreas Felber hat er ein erstklassiges Vokalensemble zur Verfügung, das Paul Alpenzellers Volksstück "Die Tochter vom Arvenhof" (1920) im Kirchner Museum Davos (Regie: Inge Krichau Sadowsky) mit Schubert-Gesängen eine besondere Note gibt. Dafür wurde ein Gasthaus ins Museum hineingebaut. Die gemalten Kulissen stammen von Ernst Ludwig Kirchner selbst, der vor 100 Jahren nach Davos kam und als Theatermaler für das lokale Laienspiel engagiert wurde. Das tägliche offene Singen des Davos Festival Kammerchors ist aus dem Programm nicht wegzudenken.

80 junge Instrumentalisten aus 20 Ländern sind während des zweiwöchigen Festivals mit dem für Schweizer Verhältnisse eher bescheidenen Etat von 750 000 Franken vor Ort und präsentieren sich in verschiedenen Formationen, vom Duett bis zum Kammerorchester. Das Frankfurter Aris Quartett zeigt eine hochdramatische, fein verästelte Interpretation von Felix Mendelssohns f-Moll-Quartett op. 80. Die Schweizer Cellistin Chiara Enderle besticht nicht nur bei Olli Mustonens Sonate für Violoncello und Klavier durch Klarheit und große Expressivität. Mustonen steht mit seiner tonal gebundenen, spirituell angehauchten, durchaus verspielten Musik als Composer in Residence im Zentrum und ist auch als Pianist und Dirigent zu erleben.

Bieris Versuche, ein neues Publikum zu finden, sind zumindest in der Schalterhalle des Davoser Bahnhofs erfolgreich. Schon vor dem Beginn des Konzerts sind alle Plätze besetzt. Die Ansage erfolgt durch den Bahnhofslautsprecher. Auch die Kinder, die am Boden sitzen, lauschen andächtig dem Bläserquintett von Paul Taffanel. Nur ein Einheimischer, der an den Zuhörern vorbeiläuft, schaut missmutig und murmelt "So ä Schissdreck". Als der junge Schlagzeuger Fabian Ziegler am Marimba Astor Piazzolas "Libertango" zum Leben erweckt, herrscht ungeteilte Begeisterung. Die kann auch das regelmäßige Zuschlagen der Toilettentür nicht gefährden.

Noch bis 19. August. http://www.davosfestival.ch




Autor: Georg Rudiger