Mohammed Jabur

Freiburger Hörbuch erzählt die Geschichte eines Staatenlosen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 29. November 2017

Literatur & Vorträge

Mohammed Jabur lebt heute in Freiburg. Geboren wurde er als palästinensischer Flüchtling in Syrien. Es verschlug ihn in den Irak, nach Abu Dhabi und weiter. Die unglaubliche Geschichte einer Irrfahrt.

Das ist eine unglaubliche Geschichte, so unglaublich, dass man geneigt ist, sie für erfunden zu halten. Aber wer könnte solch ein Schicksal erfinden? Von unwahrscheinlichen Wahrhaftigkeiten hat der Dichter Heinrich von Kleist gesprochen. Der Ausdruck kommt einem bei Mohammed Jaburs Lebensgeschichte in den Sinn. Dass Mohammed Jabur Palästinenser ist, hat seine Biographie bestimmt. Von Anfang an. In einem Maße, wie man es sich als jemand, der wie selbstverständlich über eine nationale Zugehörigkeit verfügt, nicht annähernd vorstellen kann. Deshalb ist es gut, dass die Freiburger Journalistin und Autorin Friederike Zimmermann Mohammed Jabur, der seit 1996 in Freiburg lebt, dafür gewinnen konnte, seine Geschichte zu erzählen – das heißt: erzählen zu lassen.

In dem Hörbuch "Bleiben ist keines – nirgendwo" leiht der Schauspieler und Musiker Heinzl Spagl, Ensemblemitglied des Theaters im Marienbad, Mohammed Jabur seine Stimme. Heinzl Spagl ist ein versierter Sprecher, doch diese Aufgabe war eine besondere Herausforderung. Denn es gibt zwei Ebenen in der Erzählung, die auf Mohammed Jaburs eigenen literarischen Texten basiert. Die eine ist die Nahtoderfahrung, die Jabur nach einem anaphylaktischen Schock machte: Unvorstellbare 45 Minuten lang war er klinisch tot. So lange etwa dauert auch die im Freiburger Hörbuchverlag Hörflüge erschienene, von der Freiburger Bürgerstiftung unterstützte Produktion. Die andere Ebene besteht in Jaburs Rückblicken auf seine Kindheit und Jugend, sein Studium, seine Ehe und seine unfassbare Odyssee durch die Welt.

Beide Ebenen sind auch dank der Regiearbeit von Petra Faißt und Renate Obermaier sehr gut miteinander verzahnt. Es beginnt mit einem Schock auch für die Hörer: "Ich bin tot", verkündet der Ich-Erzähler. Und man fragt sich: Wie kann jetzt ein Toter zu sprechen beginnen? Dieser Tote ist noch nicht endgültig gestorben, sondern bewegt sich in einem Zwischenreich zwischen Himmel und Erde. Er schwebt in einer Sphäre außerhalb seines Körpers, der unter ihm in einem Klinikbett liegt und mit dem er nichts mehr zu tun hat. Er fühlt sich wohl in diesem Zustand, will auf keinen Fall zurück dorthin, wo sich eine Mannschaft von Ärzten und Krankenschwestern um seine Wiederbelebung bemüht. Bis er auf seinen Vater trifft: Und der schickt ihn zurück. Es sei noch zu früh für ihn hier oben. Tatsächlich war Jabur damals 53 Jahre alt.

Mag diese Begegnung im Jenseits märchenhafte Züge tragen: Der Aufprall auf den Boden der Tatsachen ist umso größer. Was es bedeutet, staatenlos zu sein, führt Jaburs Schicksal mit aller Härte vor Augen. Wie es der Titel sagt: "Bleiben ist keines – nirgendwo". Geboren wurde er als Flüchtling in Syrien. Als er zwei war, emigrierte die Familie nach Bagdad. Studiert hat er in Abu Dabi, er lebte dort drei Jahre als Angestellter einer Bohrinsel. Dort lernte er seine Frau kennen, eine Philippinin. Sie bekamen eine Tochter, die sie als Gastarbeiter nicht aufziehen durften. Jabur hat sie nie wiedergesehen. Nach der irakischen Invasion 1990 wurden alle Palästinenser aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgewiesen. Die Frau ging zurück in ihre Heimat, für ihren Mann begann eine jahrelange Irrfahrt, da er als Staatenloser immer wieder abgeschoben wurde.

Dass Mohammed Jabur das alles ohne Verbitterung er- und überlebt hat, ist das Wunder dieser Erzählung. Er selbst spricht davon, dass ihm das Schreiben sehr geholfen hat. Auf der CD sind es die sehnsuchtstrunkenen arabischen Lieder, in denen, wie Renate Obermaier im Booklet schreibt, "eine traumartige Verbindung zu jenem Kulturkreis aufscheint, aus dem Mohammed Jabur stammt". Gespielt werden sie von dem in Freiburg lebenden Sänger Basem Salem, dem Straßburger Oud-Spieler Aziz El Kaddouri und dem Freiburger Bassisten Wolfgang Fernow. Man wünscht sich ein Konzert mit den dreien und dem Auftritt des Duos Jabur/Spagl. Einstweilen bleibt nur diese großartige CD.

Mohammed Jabur: Bleiben ist keines – nirgendwo. Hörflüge, CD, 14 Euro.