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02. Februar 2016

Ketzer, Künstler, Wissenschaftler

Mit "Das Geheimnis des Medicus" setzt Marion Harder-Merkelbach ihre Bodensee-Romanreihe aus dem 15. Jahrhundert fort.

  1. Marion Harder-Merkelbach Foto: lara Merkelbach

"Es sind immer die Weiber, die das Übel über die Menschheit bringen, die uns Mannsbilder verführen, in die Sünde treiben." Kein Zweifel, das Leben im 15. Jahrhundert war für die eine Hälfte der Bevölkerung ein noch viel größeres Elend als für die andere, die männliche Hälfte. Frauen hatten kaum Rechte, sie wurden willkürlich als Hexen verunglimpft, gequält, gefoltert und oft genug auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der männliche Adel und der männliche Klerus spielten häufig diese unrühmlichen Rollen. Simarna, die Heldin in Marion Harder-Merkelbachs historischem Roman "Das Geheimnis des Medicus", teilt dieses Schicksal – entgeht dem Feuer nur durch Glück und Geistesgegenwart.

Zum dritten Mal bereits hat die studierte Kunsthistorikerin Harder-Merkelbach sich in das finstere Zeitalter begeben um eine Alltagsgeschichte rund um Hexen, Mönche, Ärzte, um Folter, Pest, Liebe und Magie mit historisch belegtem und fiktivem Personal zu entwickeln. "Das Geheimnis des Medicus" folgt auf "BodenSeele" (2012) und "Der Medicus vom Bodensee" (2008). Es sind jeweils abgeschlossene Geschichten, doch macht es durchaus Sinn, sie in der richtigen Reihenfolge hintereinander zu lesen, um ein vollständiges Bild zu erhalten.

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Gut recherchiert, mit viel Detailwissen und dem Gespür für eine gut komponierte Handlung und mehrdimensionale Figuren sind Harder-Merkelbachs Romane flüssig und mit Gewinn zu lesen. In "Das Geheimnis des Medicus" verbindet die Autorin die Leidens- und Liebesgeschichte von Simarna und dem Arzt Matthias Reichlin von Meldegg aus Überlingen mit Werk und Denken des genialen Leonardo da Vinci. Nach einer Irrfahrt vom Bodensee nach Italien, wo Simarna die Bibel ihrer ebenfalls als Ketzerin verunglimpften Waldenser-Mutter sucht und Glaubensschwestern und -brüder findet, trifft sie schließlich in einer Werkstatt auf den Künstler und Wissenschaftler da Vinci. Simarna lauscht heimlich und als junger Mann verkleidet den Gesprächen zwischen da Vinci und einem Franziskanermönch und sieht die Entstehung von da Vincis Gemälde "Felsengrottenmadonna" (1483), das er unter dem Druck des Auftraggebers später noch einmal in abgeschwächter Form wird malen müssen. Das Weltbild des Künstlers und Wissenschaftlers, der mutig die richtigen Fragen stellt, taucht auch in den Forschungen des Medicus Andreas Reichlin, Vater von Matthias, auf. So erleben Simarna und Matthias unabhängig voneinander, dass es auch in ihren finsteren Zeiten Menschen gibt, die sich mit der bestehenden Ordnung nicht abfinden wollen, mit zementierten Machtverhältnissen, mit Gewaltherrschaft und Klassengesellschaft. Das Ende der Geschichte lässt die Möglichkeit offen, dass Harder-Merkelbach ihrem Roman eine weitere Fortsetzung folgen lässt.

Marion Harder-Merkelbach: Das Geheimnis des Medicus. Roman. MHM Verlag, Überlingen 2015. 284 Seiten, 11,99 Euro.

Autor: Heidi Ossenberg