BZ-Interview

Krimi-Experte und Herausgeber Thomas Wörtche über den Band "Berlin Noir"

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Do, 26. April 2018 um 19:45 Uhr

Literatur & Vorträge

Über das dunkle Berlin und seine Geschichten spricht der Krimi-Experte Thomas Wörtche im BZ-Interview. Es geht um den Band "Berlin Noir" in einer weltweiten Reihe.

Thomas Wörtche ist Kritiker, Publizist und Literaturwissenschaftler, er arbeitet unter anderem für den Deutschlandfunk und ist Co-Herausgeber der Onlineplattform CulturMag. In Kooperation mit dem Unionsverlag erfand er die Reihe metro, zurzeit wählt er ein Krimiprogramm für den Suhrkamp Verlag aus. Für den Verlag CulturBooks gab er den Band "Berlin Noir" heraus, Teil einer weltweiten Reihe mit regional geprägten Kriminalgeschichten. Er lebt und arbeitet in Berlin.

BZ: Herr Wörtche, existierte von vornherein ein Konzept für den "Berlin Noir" Band oder wurden einfach nur Geschichten gesammelt?
Wörtche: Berlin Noir hatte ein klares Konzept. Das liegt einmal daran, dass der Band zu einer Serie gehört: Zu den Städtebänden der "Noir Series" des New Yorker Akashic Verlags. Ein Mammutprojekt mit inzwischen fast 100 Bänden, die sich mit Großstädten und Regionen der ganzen Welt unter dem Aspekt des Noirs befassen. Die deutsche Ausgabe bei CulturBooks ist also eine Lizenzausgabe der amerikanischen "Originalausgabe", die im Herbst 2018 bei Akashic erscheint. Sie ist nur früher auf Deutsch erschienen, weil ja die Übersetzungszeit weg fällt. Alle Texte müssen Originalgeschichten für diesen Band sein.
BZ: Weltweit ist aber noch kein Konzept.
Wörtche: Jede Geschichte soll in einem bestimmten, definierten Bezirk spielen. Die Beiträge sollen von möglichst unterschiedlichen Autorinnen und Autoren stammen – von etablierten, von Newcomern, auch von solchen, die nicht unbedingt aus dem "Genre" kommen. Und alle müssen einen Touch of Noir haben. Das gilt für alle Akashic-Bände, und es ist ein sehr brauchbares Konzept, das sich für das uneinheitliche Berlin leicht adaptieren ließ. Dadurch entsteht eine Art Kaleidoskop, das viele Aspekte des Berliner Lebens schwarz schimmern lässt.
BZ: Können Sie diesen "Touch of Noir", dieses Schwarzschimmern kurz erklären?
Wörtche: Noir ist ja eine schwer fassbare Kategorie, die weder an bestimmte Themen noch an bestimmte Schreibweisen gebunden ist, sondern eine bestimmte Atmosphäre meint und einen bestimmten "bösen" Blick auf die Welt, die also eher unbequeme Fragen aufwirft und Dinge thematisiert, die man ansonsten gerne ausblendet oder verdrängt. Und daraus entsteht dann Literatur...
BZ: Wie wurden die AutorInnen ausgewählt?
Wörtche: Alle Mitwirkenden müssen einen nachweisbaren Berlin-Bezug haben, in Berlin wohnen, oder in einem Fall lange genug in Berlin gelebt haben, also ihre Stadt kennen. Und für literarische Qualität garantieren, klar. Weil ich mich, sagen wir, ein bisschen auskenne in der literarischen Landschaft, habe ich versucht, möglichst unterschiedliche Stimmen und Sounds, Sichtweisen und literarische Zugänge zu kombinieren, für die die einzelnen Autorinnen und Autoren stehen.
BZ: Es sind nur deutsche Schriftsteller – war das ein Kriterium?
Wörtche: Ich habe jetzt nicht auf die Pässe geachtet – aber das Projekt ist ja auch ein Schaufenster für deutsche Autoren auf dem internationalen Markt, denn Lizenzen von Akashic werden weltweit vertrieben. So wie CulturBooks auch "Paris Noir" übernommen hat und andere Bände übernehmen wird, wird "Berlin Noir" mit großer Wahrscheinlichkeit auch in anderen Ländern erscheinen. Insofern wollte ich schon deutschsprachige Autorinnen und Autoren featuren.
BZ: Zwei Autorinnen sind unter 50, die restlichen elf Schreiber gehen schon auf die 60 zu. Fehlt es an Nachwuchs?
Wörtche: Keine Ahnung, ich glaube jedoch, niemanden übersehen zu haben. Gerade der Noir – mal sehr weitgefasst – braucht auch eine gewisse Lebenserfahrung, um etwas reißen zu können. Die Gefahr, in jugendliche Pose zu verfallen, ist ziemlich groß. Aufgedrängt hat sich niemand. Eine Abteilung Sturm und Drang wäre mir sehr willkommen, aber ich sehe sie weit und breit nicht. Innovation und Exzellenz sind allerdings alterslos.
BZ: Sie leben selber in Berlin, macht Sie das zu einem besonders kritischen Herausgeber?
Wörtche: Naja, ich bin eine alte Asphalt-ratte und komme ganz schön rum in meiner Stadt. Deswegen kann mir niemand was vom Pferd erzählen. Insofern wäre ich notfalls der wandelnde Reality-Check, aber das war nun wirklich nicht nötig. Wie gesagt: Ortskenntnis war ja ein Auswahlkriterium.
BZ: Verraten Sie ihre Lieblingsgeschichte?
Wörtche: Tststs, so was fragt man doch nicht. Natürlich mag ich alle Geschichten. Jede einzelne.

Thomas Wörtche (Hg.): Berlin Noir.
CulturBooks, Hamburg 2018. 320 S., 15 Euro.