KRIMINALROMANE: Exotische Kulisse

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 14. Juli 2018

Literatur & Vorträge

Joe Ide bekämpft stille Feinde, Abir Mukherjee ein Übel.

Der andere Blick: Joe Ide und Abir Mukherjee wechseln die Hautfarbe.

Stille Feinde

Zwar überzeugt Joe Ides Kriminalroman "Stille Feinde" durch solides Handwerk, einen komplexen Handlungsaufbau und eine dichte schnörkellose Sprache. Doch sein Blick ist es, der fasziniert. In seinem ersten Thriller "I.Q." nahm der Amerikaner mit japanischen Wurzeln die schwarze Kultur der Gegenwart aufs Korn. Seine Schilderung der HipHop- respektive Gangsta-Szene ließ an Authentizität nicht zu wünschen übrig, und der Autor entzauberte Mythen: Gangsta sind auch nur Menschen. In "Stille Feinde" taucht Ide ab ins organisierte Verbrechen. Eine multikulturelle Angelegenheit: Chinesen, Latinos, Afrikaner – von der Gesellschaft ausgestoßen oder durch Krieg und Hunger traumatisiert – kämpfen um Macht, Anerkennung und sozialen Aufstieg. Ides Charaktere wirken so echt wie bei James Lee Burke.

Isaiah Quintabe, genannt IQ, reüssiert als Ghetto-Sherlock-Holmes. An seiner Seite fungiert ein Kumpel fürs Gröbere, mit dem er als Teenager ein erfolgreiches Einbrecher-Duo gebildet hat. Der werdende Vater versucht legal über die Runden zu kommen, indem er eine Imbissbude betreibt. Da kommt jede Abwechslung inklusive eines Zubrots recht. IQ entdeckt, dass Marcus, sein großer Bruder und Mentor, absichtlich überfahren worden ist und vielleicht nicht der Heilige war, als den Isaiah ihn sah. Gleichzeitig braucht Sarita, die damalige Freundin seines Bruders, seine Hilfe, da ihre spielsüchtige Halbschwester in die Fänge der chinesischen Mafia geraten ist. Zwischen Las Vegas und East L. A., zwischen Vergnügungspalästen und sozialen Gangprojekten schildert Ide eine grausame Menschenjagd, bei der Integrität, traumatisierende Erlebnisse und fragile soziale Konstruktionen mehr über die Menschen verraten als eine Knarre in der Hand.

Ein notwendiges Übel

Ebenso ein Ermittlerduo bilden Captain Sam Wyndham und Sergeant "Surrender-not (Gib nicht auf)" Banerjee. Nur dass hier der Captain, ein ehemaliger Scotland Yard-Ermittler, selber erzählt, was er in Britisch-Indien um die 1920er Jahre erleben durfte. Auch hier ist der Blick ein spezieller: Der indischstämmige Autor Abir Mukherjee, dessen Eltern in den 60er Jahren nach England kamen, schreibt aus der Perspektive eines britischen Gentlemans aus alten Zeiten. Der legt eine so gelassene Ironie an den Tag, dass selbst seine Opiumsucht als mal-Laster daherkommt. In seinem zweiten Kriminalroman "Ein notwendiges Übel" lässt Mukherjee den Thronfolger eines autarken Fürstentums in Kalkutta meucheln. Surrender-not kannte den Prinzen aus Harvard-Zeiten und darf den Leichentross nach Südindien offiziell begleiten. Wyndham kommt als Urlauber mit ins sagenumwobene Sambalpur, das durch Diamanten unermesslich reich geworden ist. Politisch, religiös oder privat motivierter Mord: Das ist hier die Frage. Standesdünkel, Rassismen, Größenwahn, Autokratismus, also ganz aktuelle Probleme werden höchst unterhaltsam und literarisch mit allen Finessen vor eindrücklicher exotischer Kulisse verhandelt.

Joe Ide: Stille Feinde. Roman. Deutsch von Conny Lösch. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 398 Seiten, 14,95 Euro.
Abir Mukherjee: Ein notwendiges Übel. Roman. Deutsch von Jens Plassmann. Heyne Verlag, München 2018. 494 Seiten, 9,99 Euro.