KRIMINALROMANE: Kampf mit Dämonen

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 17. März 2018

Literatur & Vorträge

Romane von Roland Spranger und Katja Bohnet.

Wenn alles ins Schlittern gerät: Düsteres aus deutschen Landen.

Tiefenscharf

Die Katastrophe kommt wie das Amen in der Kirche. Das Schlittern nimmt Fahrt auf, auf der Strecke geht die Kontrolle verloren. Der Verlierer rennt in sein Verderben, der Gangster verteidigt seine Pfründe, die Gesetzeshüter sind außen vor. Das Verbrechen, das Unglück, das Versagen nimmt seinen Lauf. Die Verhältnisse und mittendrin der Mensch lassen kaum etwas anderes zu. Der Noir-Roman begibt sich auf die dunkle Seite der Menschheit, des Alltags, des Lebens. In Deutschland führt er ein Schattendasein, als gäbe es für alles eine Groko. Es wird schon werden.

Tatsächlich schafft es Roland Spranger in seinem Thriller "Tiefenscharf" die Stimmung, die Ausweglosigkeit und das Fatale eines Noir-Romans zu vermitteln, ohne platte Klischees zu bemühen oder schlecht zu plagiieren. Im Hier und Jetzt verdient der studierte und frustrierte Geisteswissenschaftler Sascha als Videojournalist seine Brötchen. Ein Alkoholproblem kostet ihn letztendlich seinen Job und das Vertrauen seiner (erfolgreichen) Frau Lydia: Auf dem Weg zur Geburt seines zweiten Kindes baut er einen Unfall. Max dagegen ist ein weltoffener Geschäftsmann. Er verkauft sein Crystal Meth an Nazis, Studenten, Banker oder Türken, besonders sein Kontakt in die rechte Szene erweist sich als sehr lukrativ: Dumpfen Schlägern hilft der Stoff in jeglicher Hinsicht, die Wirkungen einer Droge können sehr vielfältig sein. Nur wer Max in die Quere kommt, muss mit allem rechnen. Der böse Dreh des Schicksals oder der Zufall will es, dass sich die Wege der beiden kreuzen. Sascha hofft auf einen großen Coup. Spranger erzählt knapp und schnörkellos. Viele schöne kleine Details und illustre Nebenfiguren sorgen für Authentizität auf dem dramatischen und traurigen Weg in die Katastrophe. Absolut fesselnd.

Kerkerkinder

Katastrophen kennt auch Viktor Saizew zur Genüge: Die größte spielte sich in seinem Kopf ab in Form eines Tumors. Doch der Landeskriminalbeamte hat die schwere Operation überlebt, was niemand für möglich gehalten hätte. Nur eben seine Schöpferin Katja Bohnet, und die hat nun dem russischen Hünen ein zweites Leben und eine riesige Narbe verpasst. Auch in ihrem zweiten Roman durchlebt das äußerst unkonventionelle Ermittler-Duo Saizew/Lopez extreme Situationen. Dieses Mal im Hitze geplagten Berlin. "Kerkerkinder" heißt die Fortsetzung von "Messertanz", in der Victor noch mehr mit inneren und äußeren Dämonen kämpft – mit Krankheit und Wahnsinn in ihm und um ihn herum, während seine Partnerin, die nun hochschwangere Rosa Lopez, kühlen Kopf bewahren muss: Die Leiche einer verbrannten türkischstämmigen schwangeren Frau wird gefunden, wenig später ihr deutscher Freund mit abgetrenntem Kopf. Die Bohnet hat sichtlich Gefallen daran, den Verlust von Realität und seltsam verschobene Pforten von Wahrnehmung in eine intensive Sprache zu gießen. Wie unterschiedlich können Welten sein zwischen Strand- und Stadtvilla? Wo findet das Grauen wirklich statt? Das ist nicht nur eine literarische Frage.

Roland Spranger: Tiefenscharf. Polar Verlag, Hamburg 2018. 286 Seiten, 18 Euro. Katja Bohnet: Kerkerkinder. Droemer Knaur Verlag, München 2018. 336 Seiten, 14,99 Euro.