Bücher zum Luther-Jahr

Luther - Nationalist, Rebell, Ketzer?

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Mi, 28. September 2016

Literatur & Vorträge

2017 ist Luther-Jahr – der Historiker Volker Reinhardt und der Journalist Willi Winkler legen schon mal interessante Bücher vor .

Ein großes Jubiläum wirft seinen Schatten voraus: Am 31. Oktober 1517 hat der Mönch Martin Luther in der Kirche zu Wittenberg in 95 Thesen seine Kritik am Papsttum und den damaligen Glaubensgepflogenheiten an die Tür genagelt – und damit der Kirchenspaltung den Weg ber
eitet. In Vorbereitung auf die 500-Jahr-Feiern haben sich Journalisten und Wissenschaftler erneut mit dem Phänomen Luther auseinandergesetzt. Eine der spannendsten Neuerscheinungen ist das Werk des Historikers Volker Reinhardt: "Luther, der Ketzer". Er erzählt nicht nur, wie Luther die Kirche sah, sondern auch, wie Päpste und Kleriker in Rom den rebellischen Mönch aus Deutschland wahrnahmen. Der Journalist Willi Winkler lässt in lockerer, lebendiger Sprache die Lebenswelt Luthers auferstehen, die ihn prägte und ihn zu dem Rebellen werden ließ, der das Mittelalter beendete.

Was die Reinhardt’sche Arbeit von anderen positiv abhebt: Der Wissenschaftler, der zu den größten Kennern der Renaissance-Päpste weltweit zählt, beließ es nicht dabei, Luther, sein Werk und sein Wirken aus der heutigen Sicht neu einzuordnen und zu bewerten, wie das viele andere Autoren tun. Er sichtete bisher wenig beachtete Akten in den Vatikanischen Archiven, interpretiert sie – und fügt so der Luther-Forschung neue und spannende Erkenntnisse aus einer ungewöhnlichen Perspektive hinzu.

Verschwenderische Italiener, geizige, sparsame Deutsche

Stringent und trotz aller Wissenschaftlichkeit leicht verständlich arbeitet Reinhardt heraus, in welch unterschiedlichen Lebenswelten der deutsche Mönch und die Kleriker zu Hause waren: Im Rom der Renaissance verschmolzen die Lehren des Christentums und der Antike. "Die Päpste der Renaissance beanspruchten das Erbe des römischen Imperiums für sich, und zwar politisch, kulturell und ideologisch", schreibt Reinhardt. Für den damaligen Papst Leo und andere Kleriker sei die "Idee des italienischen Zivilisationsvorrangs und der daraus abgeleiteten Zivilisationsmissionierung" mit den neuplatonischen und humanistischen Geschichtsvorstellungen verbunden gewesen. Luther dagegen war der auch philosophische Reichtum dieser Kultur fremd. Er sah vorrangig, dass sich die römische Geistlichkeit mit aus seiner Sicht falschen Heilsversprechen bereicherte, auf Kosten der Gläubigen in deutschen Landen.

Von Rom flossen zudem deutlich weniger Vergünstigungen in den deutschsprachigen Raum zurück als etwa nach Spanien oder Frankreich, wie Reinhardt darlegt. Der Historiker glaubt, dass dies einer der Gründe war, warum im deutschen Teil des Heiligen Römischen Reiches die Unzufriedenheit mit dem Papsttum besonders groß war. Man habe sich ungerecht behandelt gefühlt. Bereits damals habe ein Denken in nationalen Kategorien eingesetzt – lange bevor der italienische und der deutsche Nationalstaat im 19. Jahrhundert entstanden. Von einem "Clash of Cultures" (Zusammenprall der Kulturen) spricht Reinhardt. Bis in die EU von heute hätten sich die Stereotypen gehalten: der verschwenderische Italiener gegen den sparsamen, geizigen Deutschen. Reinhardt geht sogar so weit zu behaupten, dass es dieser "Zusammenprall der Kulturen" gewesen sei, der Luthers Reformation und die Kirchenspaltung hervorgebracht habe. In diesem Punkt werden ihm viele Theologen nicht folgen. Sie lenken ihren Fokus viel stärker auf die Kritik Luthers an den theologischen Auffassungen der damaligen Kirche.

Deutlich weniger originell, aber dennoch lesenswert ist das Buch von Willi Winkler "Luther, ein deutscher Rebell". Der Journalist der Süddeutschen Zeitung versteht es, die Stimmungen und Probleme der Zeit vor 500 Jahren anschaulich werden zu lassen: Pest und Syphilis grassierten, eingeschleppt aus Asien. Viele Gläubige sahen darin Zeichen der nahenden Endzeit. Von einer "massenhysterischen Angstneurose" spricht Winkler. Auch der Mönch Luther war davon befallen, er kasteite sich im Kloster, um Erlösung zu erlangen. Fand sie aber nicht, war von Angst gepeinigt wegen des nahenden Endes. Bis ihm die Erleuchtung kam: Der Mensch kann gar nicht durch Buße und gute Werke selig werden, allein durch den Glauben und Gottes Gnade ist der Mensch gerechtfertigt oder gerettet. Damit stellt Winkler die Kritik Luthers an der von der Kirche verbreiteten Lehre, der Gläubige erlange Erlösung durch Buße und das Bezahlen eines Ablasses, als reformationsauslösenden Moment in den Vordergrund – ein klassisches Deutungsmuster. All das ist flott geschrieben, manchmal verwirrt Winkler die Leser aber mit allzu vielen Namen und Details.

Überraschend frech und ein wenig provokant sind seine Schlussfolgerungen. So fordert der Katholik Winkler Papst Franziskus auf, Luther doch heiligzusprechen. Denn immerhin sei es der Reformator gewesen, der durch seine Kritik an der Geldgier und der Korrumpiertheit der Geistlichkeit die damalige Kirche dazu gezwungen habe, Reformen einzuleiten. Ein wenig gewagt formuliert er, dass die damals angeschlagene Kirche sonst nicht überlebt hätte.

Volker Reinhardt: Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation. Verlag C. H. Beck, München 2016. 352 Seiten, 24,95 Euro.

Willi Winkler: Luther. Ein deutscher Rebell. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2016. 639 Seiten, 29,95 Euro.