Mit subversiver Phantasie

Stefan Tolksdorf

Von Stefan Tolksdorf

Mi, 23. März 2016

Literatur & Vorträge

Zum Tod der Dichterin Rosemarie Bronikowski .

Vor hatte sie noch einiges, die originäre Poetin und Philanthropin Rosemarie Bronikowski, für die das Lachhafteste am Leben seine Kürze war. Das ihre hat sie aufs Beste gefüllt. Nicht nur mit Literatur, drei autobiographischen Romanen über ein Frauenschicksal im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland, drei Erzähl- und einem Dutzend Gedichtbänden. Sprichwörtlich war auch ihr soziales Engagement: Umweltaktivistin in Whyl und anderswo, nimmermüde Helferin in der Gefangenenbetreuung – fast bis zuletzt. Für ihre große Familie war sie ruhender Pol und literarische Inspiration gleichermaßen.

Ihre Gedichte, mit ihrem unverkennbar humorvoll-melancholischen, bisweilen zu bitterer Lakonie neigenden Zungenschlag, mit ihrer phantasievoll schwebenden Bildwelt schienen in den vergangenen zwei Jahrzehnten noch an Tiefe zuzulegen. Dieses Bändchen sei nun endgültig das Letzte, sagte sie immer wieder. "Von der Hand gesprungen", ihr wirklich letztes, erschienen 2014, ist ein kleines Meisterwerk.

"Der fliegende Wahnsinn der Jahre bewegt sich ohne unser Zutun ins Absurde", heißt es darin, "und ist nur mit Sinn für Komik zu ertragen". Die zarten Gedichte, einer Poetologie der subversiven Phantastik folgend, waren in diesem Sinn auch immer Überlebensstrategie. Überregionaler Ruhm wurde der Autorin nicht zuteil, doch war er ihr je wichtig? Marie Luise Kaschnitz, die erklärte Mentorin, lugte bisweilen durch die Zeilen, doch fand Rosemarie Bronikowski zwischen Beschwingtheit und Fatalität einen sehr eigenen, leise schwingenden Ton. Rosemarie Bronikowski war eine sehr feine, stille Person, stets bereit, sich zurückzunehmen, um dem Schicksal der anderen zu lauschen. Sie verschenkte Aufmerksamkeit. Ihre Stimme, leise, brüchig beinahe, immer eindringlich, fand Gehör. Sie habe keine Angst vor dem Tod, sagte sie bei ihrem 70. Geburtstag. Schließlich sei alles nur Metamorphose.

Jetzt ist Rosemarie Bronikowski mit beinahe 94 Jahren in ihrem Wohnort Ebringen verstorben. Wie heißt es in einem Gedicht aus dem Band "Wo die Wünsche zuhause sind": "Beim Gehen wirft sie das Wort noch über die abgewandte Schulter. Wir greifen es dankbar auf."