Mord und Selbstmord

Ludger Lütkehaus

Von Ludger Lütkehaus

Sa, 03. März 2018

Literatur & Vorträge

"Der Sonnenschirm des Terroristen" von Iori Fujiwara.

Mit einem literarischen Wetterbericht, wie er in der japanischen Gegenwartsliteratur öfter als Stilmittel gebraucht wird, beginnt der 1948 geborene, 2007 an Speiseröhrenkrebs gestorbene Iori Fujiwara seinen in den 1990er Jahren entstandenen politischen Kriminalroman "Der Sonnenschirm des Terroristen", den der kleine japanophile Cass Verlag unlängst für deutsche Leser zugänglich gemacht hat. Der kryptisch anmutende Titel geht allerdings weit über das Label "Kriminalroman" hinaus. "An dem Samstag im Oktober hatte es endlich aufgehört zu regnen" – so der Eröffnungssatz eines Romans, der mit seinem zugespitzten Lakonismus manches Rätsel aufgeben wird. "Wachgeworden" fährt der Ich-Erzähler fort, "war ich wie immer kurz nach Zehn, hatte wie immer die Neonleuchte angeklickt und den Kopf aus dem Fenster gestreckt. Als Bewohner eines Zimmers, in das nie ein Strahl Sonne fiel, hatte ich mir das irgendwann so angewöhnt. Vom Fenster aus, dem einzigen des Raums, konnte man die Wand des Nachbarhauses berühren. Aber man sah den Himmel."

So das Bild einer monadischen Existenz: Was der Erzähler sieht, verdankt sich einem wenn auch nur kleinen Segment des Himmels und seinem "strahlenden Blau". Es bahnt den Weg zu einem Platz, von dem aus der Ich-Erzähler seinen Platz in der Sonne finden kann. Der wichtigste Teil seines Tagesprogramms steht zu diesem Zeitpunkt freilich noch aus: der erste Whiskey-Schluck. Denn, so weiß es der gutgelaunte Trinker: Auch ein abgehalfterter Kneipier mittleren Alters hat ein Tagesprogramm. Der Ich-Erzähler Er bekennt sich freimütig als Alkoholiker. Das nachlassende Zittern seiner Hände signalisiert den Fortschritt des täglichen Trinkerprogramms, das um so ernüchternder wirkt, je betrunkener er ist. Der Speiseröhrenkrebs, an dem er wie auch sein Autor grausam sterben wird, steht noch aus.

Die Zuneigung

des Ex-Terroristen

zu einem kleinen Mädchen

Erzählt wird die Geschichte zweier (Ex-)Terroristen. Sie beginnt mit der auch in Japan entfesselten Studentenrebellion der späten sechziger, Anfang siebziger Jahre, die in einem ersten Bombenattentat gipfelt. Sie setzt sich fort in der Jetztzeit des Romans mit dem blutigen Terror der späten neunziger Jahre, der seinen grausamen Höhepunkt in Formen der Elektrofolter findet. Iori Fujiwara steht den Exzessen der Grausamkeit etwa im Werk Haruki Murakamis nicht nach. Shimamura, der Ich-Erzähler, setzt seine Geschichte als humanisierter Bombenterrorist fort. Kumano, sein Widerpart, bleibt der zynische Politattentäter, der über Leichen geht, bis er zum Attentäter auf sich selber wird.

Humanere Gegenbilder liefert eine Liebesgeschichte, deren größte Anziehungskraft aus kindlicher Zutraulichkeit und einer bis zur Selbstpreisgabe gehenden väterlichen Sorge resultiert. Wenn es in dieser Welt größtmöglicher Brutalität Spuren von Humanität gibt, so ist das der Zuneigung des Ex-Terroristen zu einem kleinen Mädchen zu danken. Die Drohungen des Terrors hebt das freilich nicht auf. Seine größte Raffinesse erreicht dieser Roman, wenn er dem Gang seiner Geschichte eine frappante Wendung gibt.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen. Roman. Aus dem Japanischen von Katja Busson. Cass Verlag, Löhne 2017. 352 Seiten, 19,95 Euro.