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28. Februar 2015

Peter Pan, bitte aufwachen!

Die amerikanische Philosophin Susan Neiman plädiert dafür, erwachsen werden zu wollen.

  1. Susan Neimans These: Die Welt braucht mehr kritische Geister und weniger infantile Konsumzombies. Foto: dpa

  2. - Foto: Promo

Wir führen bis ins hohe Alter die dynamische Existenz des Dauerjugendlichen. Die Produkte unserer Konsumkultur cremen uns die Falten glatt und schützen das Haar vorm Ergrauen. Schrittmacher und Viagra sorgen für Herz und Ständer eines Achtzehnjährigen. Unterhaltsame elektronische Geräte und universelles Infotainment beglücken und erhalten unseren kindlichen Spieltrieb. Dass wir sowieso immer weiter wachsen wollen, steht sogar im Grundgesetz, und unsere Kanzlerin nennen wir Mutti. Warum, zum Teufel, sollten wir also erwachsen werden?

Gute Frage, findet auch die in Berlin lebende amerikanische Philosophin Susan Neiman, und hat sie zum Titel ihres neuen Buchs gemacht, das sie am 2. März in Freiburg vorstellen wird. Neimans Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das, was man gemeinhin damit verbindet, erwachsen zu sein, für uns nicht besonders attraktiv zu sein scheint. Warum? Weil wir uns Erwachsensein wie den harmlosen, wohlmeinenden Onkel mit Bauchansatz vorstellen, der uns verkündet, dass das Leben weder so wunderbar ist, wie wir als Kinder dachten, noch so ätzend, wie wir als Jugendliche befürchten. Das klingt ungefähr so spannend wie die Wahl zwischen Ödnis und Resignation. Kein Wunder, dass wir, statt uns mit so etwas zu befassen, lieber schnell unsere Mails checken, eine Runde im Fitnessclub drehen und dann die Rotweinkarte studieren. Erwartet Neiman etwa, dass wir angesichts solcher Aussichten: "Echt spannend, Onkel, erzähl mal, ich will auch erwachsen werden" rufen und uns rundlich denken?

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Ehrlich gesagt: Ja, genau das erwartet Neiman. Ihr Onkelchen ist nämlich kein geringerer als Immanuel Kant, ihr sexiest Denker nun ja, nicht gerade alive, aber doch lebendiger als all wir Konsumzombies zusammen. Der Witz ist: Am Ende des Buchs sind wir sogar geneigt, ihr den Gefallen zu tun. Wir nehmen ihr ab, dass der gute alte Onkel Kant, dem sie hier und da aus Moppeligkeitsvorsorge etwas Rousseau in den Allerwertesten bläst, einen attraktiven, sogar subversiven Anreiz liefern kann, erwachsen zu werden. Wie das? Zum einen liegt es daran, dass Kant immerhin gründlich durchdacht hat, was "erwachsen" überhaupt bedeuten könnte. Dabei unterscheidet er drei Stufen, die der Mensch auf dem Weg dorthin durchläuft. Die erste ist die Kindheit. Sie ist dogmatisch. Kleine Kinder neigen dazu, alles, was man ihnen sagt, für die absolute Wahrheit zu halten. Sie verstehen Tag für Tag mehr von der Welt und glauben, es geht immer so weiter. Ein Kind denkt wie Leibnitz: Sieh nur, wie gut die Welt und ich zusammenpassen! Irgendwann werden wir schon sehen, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben.

So ein infantiles Leben ist attraktiv. Und nützlich. Zum Beispiel für Regierende, Religionsführer und Produzenten. Denen sind infantile Gefolgschaft beziehungsweise Konsumenten lieber als mündige. Neiman attestiert uns überhaupt gesellschaftliche Strukturen, die so beschaffen sind, dass sie uns auf dieser Stufe halten. Wenn nicht durch Zwang, appellieren sie an unsere natürliche Faulheit, indem sie unser Leben durch Spielzeuge wie Smartphones oder Autos bequemer gestalten. Dass die Werbung uns ein immer junges Abenteuerleben als Peter Pan verspricht, gilt als tragfähige gesellschaftliche Vision.

Es gibt allerdings einen Haken, über den sich nicht hinwegwerben lässt. Man kann ihn sogar bei Peter Pan selbst nachlesen: "Niemand kommt jemals über die erste Ungerechtigkeit hinweg." Und die ist so unvermeidlich, wie die Welt nicht verteilungsgerecht ist. Die Enttäuschung führt zur zweiten Stufe, dem Skeptizismus der Adoleszenz. Man entdeckt, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. Das ist eigentlich eine prima Sache. Wer alles in Frage stellt, kann alles verändern, auch zum Besseren. Aber auch da gibt es ein Problem. In diesem Stadium braucht der Glaube Nahrung, dass die Welt auf die eigenen Bemühungen auch reagiert. Was, wenn die Welt das verweigert? Sollte man da nicht Ideale und Hoffnungen fahren lassen, im Hier und Jetzt leben, der Realität ins Auge blicken, sich durchwursteln, zwischendrin mal Zerstreuung tanken und sich ansonsten in resigniertem Zynismus einrichten?

So, zwischen verbohrter Infantilität und resigniertem Dauernörglertum platziert, gewinnt Susan Neimans mit Kant erteilter onkelhafter Rat tatsächlich an Attraktivität. Sollte man es vielleicht doch mal mit Erwachsenwerden versuchen und Kants dritte Stufe der Vernunft erklimmen? Sollte man sich also weder von Verlockungen, Versprechungen oder Produkten dahin treiben lassen, sich ein ideales Leben als Konsum-Peter Pan in die Tasche zu lügen – oder als sein fundamentalistisches Pendant gar zu bomben – , noch resigniert vor der scheinbaren Übermacht des Status Quo kapitulieren? Sich in diesem Sinne dem Erwachsenwerden zu stellen, käme der Rückbesinnung auf das Programm der Aufklärung gleich, sich aus selbst und fremdverschuldeter Unmündigkeit zu befreien und mutig des eigenen Verstandes zu bedienen. Das ist gerade in der heutigen Zeit mit ihren Refeudalisierungstendenzen weniger onkelhaft als subversiv. Und anstrengend. Aber als mündiger Erwachsener entscheidet und gestaltet man immerhin mit, was man dieser Anstrengung für wert erachtet, statt besinnungslos in den Tretmühlen anderer zu rasen.
– Susan Neiman: Warum erwachsen werden? Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Hanser Verlag, Berlin, 2015. 240 Seiten, 19,90 Euro. Lesung: Susan Neiman stellt ihr Buch am Montag, 2. März um 20 Uhr in Freiburg, Artjamming, Günterstalstraße 41 vor.

Autor: Jürgen Reuß