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29. Oktober 2016 00:01 Uhr

Buch-Tipp

Roman "Sozusagen Paris" seziert Liebe, Ehe und Literatur

Mit Proust durch die Nacht: "Sozusagen Paris" von Navid Kermani ist ein Roman über Romane und ein glänzender Essay über die Liebe und das Unglück in der Ehe.

  1. Dahin sehnt sich mancher (Literatur)Liebhaber in deutschen Provinzstädten: Sacré Coeur bei Nacht Foto: LUDOVIC MARIN

  2. Navid Kermani Foto: dpa

Was ist ein Roman? Ein literarisches Spiel mit festen Regeln, ein akzeptiertes Als ob. Eine der Spielregeln, die Fiktionalität des Erzählten, decken im ersten Satz Goethes "Wahlverwandtschaften" auf: "Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter". Anders Navid Kermani. Mit allen Mitteln sucht er uns im neuen Roman von der biografischen Wahrheit seiner Geschichte zu überzeugen. Schenkt man seinem Ich-Erzähler Glauben, ist der mit dem Autor Kermani nicht nur identisch: Auch die erzählte Geschichte hat sich wirklich so zugetragen. Lediglich "ein paar Verfremdungen und die notwendigsten Auslassungen" zum Schutz der Personen räumt er ein.

Natürlich ist diese Behauptung des Realen wiederum Teil eines literarischen Spiels: der Strategie des Autors, den Leser in den Sog des fiktiven Gesprächs, aus dem das Buch weit(est)gehend besteht, hinein zu ziehen. Nun entlarven sich Tatsachenromane schon im Begriff als schöne Fiktion – auch wenn im fraglichen Fall der Roman mit einer Geschichte beginnt, wie sie in ihrer Unwahrscheinlichkeit vielleicht nur das Leben schreibt.

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Die Heldin des Romans ist Jugendliebe Jutta – die "Schönste des Schulhofs"

Nach der Dichterlesung in einer deutschen Provinzstadt signiert der Ich-Erzähler seinen Roman, als plötzlich dessen Heldin vor ihm steht. "Schreib bloß nicht: für Jutta", wiederholt die Frau gegenüber dem Verdutzten, der seine Jugendliebe, von der der Roman handelt, nicht sogleich wiedererkannt hat. Es ist die "Schönste des Schulhofs", der er in seinem Buch – Kermani-Leser erinnern sich: in "Große Liebe" (2015) – den Decknamen Jutta gab und in die er vor dreißig Jahren unsterblich verliebt war, deren halbwüchsiger Liebhaber er für kurze Zeit wurde und die er seitdem nie vergaß. An ihrem Lächeln und den Wangen, "rund wie Aprikosen", erkennt er sie wieder.

Jutta – so nennen wir in Ermangelung des Klarnamens die zierliche, attraktive Frau von etwa fünfzig Jahren – ist Bürgermeisterin des Städtchens, Arztgattin und Mutter dreier Kinder. Dass sie den Jugendfreund nach einem Glas Wein im Kreis der Kulturelite des Städtchens zu sich einlädt, ist so wenig verwunderlich wie der Umstand, dass sich das Wiedersehensgespräch bis zum nächsten Morgen hinzieht. Rauchend, kiffend und Wein trinkend erzählt sie ihm, dem der Lemongrastee irgendwann auf die Blase drückt, ihr Leben. Erzählt von ihrer Ehe zumal, von den Auseinandersetzungen und stummen Kämpfen mit ihrem Mann.

"Sozusagen Paris" ist über weite Strecken ein Buch über Bücher, ein Roman über Romane

Ihre Liebe hat sich im Lauf der Jahre in Ernüchterung, Sympathie in emotionale Distanz verwandelt. Als Besserwisser und Pedant, der noch ihr ungeordnet in die Spülmaschine gelegtes Geschirr verbissen neu einsortiert, beschreibt sie den Ehemann. Auch den "Göttersex" der beiden Tantriker darf man sich, wie dem Ich-Erzähler bald klar wird, nicht allzu leidenschaftlich vorstellen. Eingesperrt im Hamsterrad von Streit, Versöhnung und neuem Streit ist Jutta nicht nur unzufrieden mit ihrer Ehe: Sie ist unglücklich. Eine "teuflische Stimme" flüstert ihr zu, dass ihrem Leben etwas fehle.

Weil der Ich-Erzähler seine amourösen Felle davonschwimmen sieht und ihm andererseits scheinen will, dass ihr Gespräch das Zeug zum Roman habe, schaltet er, sein Verlangen unterdrückend, in den "Aufnahmemodus". Unentwegt nimmt das nächtliche Gespräch über eine Beziehung am Abgrund auf den französischen Ehe- und Gesellschaftsroman von Balzac bis Bernanos Bezug. Dass die kanonischen Texte zur Freude des Ich-Erzählers Juttas Wohnzimmer-Bibliothek bereichern, lässt ihn ein ums andere Mal ans Regal treten, um blätternd nach dem passenden Zitat und Kommentar zu Juttas intimen Geständnissen zu suchen. Was macht, dass "Sozusagen Paris" über weite Strecken ein Buch über Bücher, ein Roman über Romane ist.

Erzählend und reflektierend dekliniert der Ich-Erzähler die Aporien und Paradoxien von Liebe und Ehe am konkreten Fall durch. In die Rekonstruktion des nächtlichen Gesprächs fließen ihm – "copy & paste" – nicht allein seitenlange Auszüge aus Romanen, sondern ausgewachsene literaturwissenschaftliche Exkurse und daran anknüpfende soziologische Reflexionen ein; noch das Paris im Titel des Buchs – der Sehnsuchtsort einer Figur Maupassants wandelt sich zur Metapher liebenden Verlangens – ist ein Zitat.

Leidenschaftlich und intellektuell, Ehe- sowie Liebesroman und Doktorandenseminar der Romanistik in einem

In dieser eigentümlichen Mischung aus Literatur und Leben ist der Roman ein fesselndes – und ein wunderliches Buch: leidenschaftlich und intellektuell, Ehe- sowie Liebesroman und Doktorandenseminar der Romanistik in einem. Als könne dies ein ernsthafter Einwand gegen einen zeitgenössischen Roman sein, hat die Kritik an dem Buch Handlungsarmut und überzogene Reflexivität moniert – und übersehen, dass der Verlauf des nach allen Regeln postmoderner Erzählkunst aufbereiteten nächtlichen Gesprächs die spannungsreiche und spannende Handlung, das feine Gespinst aus Emotion und Reflexion der intellektuell packende Plot ist. Noch in der Gesprächssituation ist der Erzähler schon mit halbem Kopf bei der Konzeption des "Romans, den ich schreiben werde" – der Leser hält ihn in Händen – , und den vorhersehbaren Einwendungen seines Lektors. "Sozusagen Paris" ist ein geistreicher, ein witziger, ein frisch gewagter und glänzend gelungener Roman. Unkonventioneller, wagemutiger schreibt in Deutschland zurzeit schwerlich ein Romanautor.

Spiegelbildlich zum Gespräch verliert der Roman gegen Ende selbst ein wenig den Faden, schwankt ziellos zwischen Überlegungen zur Klangverarmung in der digitalen Musikwiedergabe und Juttas Wohnungseinrichtung, Gedanken übers Sitzpinkeln und über dumme Klosprüche hin und her. Und hält, ganz am Schluss, für den Ich-Erzähler zwischen (Klo-)Tür und Angel doch noch ein halbes Happy End bereit. Jutta, die ihm kurz zuvor übernächtigt und unglücklich in einem ästhetisch wenig günstigen Licht erschienen war, schenkt ihm ein frisches Aprikosenlächeln. Und auch die Zahnlücke, durch die er der Welt einst am liebsten entflohen wäre und die er den ganzen denkwürdigen Abend über mit leisem Schmerz vermisste, lächelt ihm zum Abschied wie durch ein Wunder aufs Neue entgegen.



Navid Kermani: Sozusagen Paris. Roman. Hanser Verlag, München 2016, 284 Seiten, 22 Euro.

Autor: Hans-Dieter Fronz