Rezension

Selig für immer: Martin Walsers neues Buch fällt schmal aus

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 17. April 2018 um 09:33 Uhr

Literatur & Vorträge

Sexistische Äußerungen, Phallussymbole und ein Autor, der einem leidtun kann: Martin Walser hat bestimmt noch nicht sein letztes Buch geschrieben, aber "Gar alles" fällt schon mal ziemlich schmal aus.

Gar alles – oder gar nichts? Das lässt sich bei Martin Walsers jüngstem Werk nicht so ohne weiteres unterscheiden. Allein der Umfang lässt vermuten, dass dem 91-jährigen sehr alten großen Mann der deutschen Literatur allmählich doch der erzählerische Atem ausgeht. Es misst kaum mehr als 100 Seiten und ist mit der Bezeichnung "Roman" nun wahrlich nicht mehr zu fassen. Der Untertitel gibt den entscheidenden Hinweis. Es handelt sich um "Briefe an eine unbekannte Geliebte". Da diese Adressatin aber offenbar nicht existiert, zumindest mäuschenstill bleibt, hat man es mit so etwas wie öffentlichen Selbstgesprächen und intimen Bekenntnissen zu tun: jenem Genre also, in dem Martin Walser seit jeher zu Hause ist.

Auch sein Protagonist kommt einem irgendwie bekannt vor – wenn nicht persönlich, so doch sein drängendes Problem. Justus Mall – der in einem früheren Leben anders hieß (Walsers Namensgebung ist nach wie vor berüchtigt) – liebt gleichzeitig zwei Frauen: die sogenannte "Eine" und die sogenannte "Andere". Die Eine ist seine angestammte Ehefrau Gerda, die andere die in den USA forschende Naturwissenschaftlerin Silke. Beiden attestiert der – na klar – ehemalige Jurist in Regierungsdiensten, der nach einem Vorfall, von dem später noch die Rede sein wird, zum Philosophen mutiert ist: Edelmut, Ehrlichkeit und Anstand. Sein Dilemma: "Jede will mich nur lieben, wenn ich auf die andere verzichte."

Ich liebe beide. Vielleicht daher die Enttäuschung.

Für Justus, den Gerechten, müsste das gerade aufgrund dieser charakterlich vorbildlichen Eigenschaften eigentlich nachvollziehbar sein. Und doch: "Die Eine ist prima! Die Andere auch. Ich liebe beide. Vielleicht daher die Enttäuschung. Weil das nicht sein soll, nicht sein darf. Natur oder Gesellschaft, oder Natur und Gesellschaft, wollen das nicht."

Was wäre die Lösung? Natürlich: Die Unbekannte, Justus Malls Hirngespinst, "die Erfüllung jeder möglichen Sehnsucht": "Zwischen uns gäbe es nichts als Verständnis. Wir dürften verstummen, selig für immer." Das allerdings ist eine Utopie, vor der einem Schreibenden im Grunde grauen müsste. Deshalb darf die auf der Höhe der Zeit in einem Blog Angesprochene auf keinen Fall existieren. Das weiß auch der Schreiber dieser "Briefe": "Nicht mehr an Sie schreiben, heißt ohne Hoffnung leben. (...) Und schon rührt sich die Hoffnung wieder, dass es Sie gebe und Sie mir auf eine nicht vorstellbare Art helfen könnten."

Sexistischen Äußerungen kann man auch Walser nicht durchgehen lassen

So geht es fort und fort in diesem Stück Prosa, für das man seinen Verfasser fast schon bemitleiden muss. Der Klappentext sieht das notabene ganz anders: Da ist von einem "in seiner existenziellen Dringlichkeit ungeheuerlichen, überwältigenden Buch" die Rede. Diese Dringlichkeit bestünde jetzt darin, dass ein Mann zwei Frauen liebt und dafür von einer fiktiven Instanz die Absolution erteilt haben möchte? Keine Absolution kann man indes Formulierungen wie dieser erteilen: "Und dieser Mund! Ein wohlgeschwungener, aber schwerer Vorhang für ein gleißend weißes Zähnetheater." Und auch nicht Mee-too-verdächtigen Sätzen wie diesen: "Die Wirklichkeit ist eine hageldichte Folge weiblicher Erscheinungen. Und die sind auf Verführung angelegt. Verführung zum Kauf von irgendwas, und sei es der Frau selbst." Ein bloßer Bewunderer weiblicher Schönheit wie Eugen Gomringer sieht daneben ziemlich alt aus. Aber es gibt auch andere, weniger begehrenswerte weibliche Erscheinungen in diesem Buch. Für diese hat Walsers Held einen wahrlich beleidigenden Namen erfunden: Die Nachbarin, die ihn zwingen will, seine geliebte Thuja-Hecke zu beseitigen, kommt bei ihm seitenlang nur als "die trockene Scheide" vor. Man mag solche sexistischen Äußerungen unter dem Rubrum "Künstlerische Freiheit" verbuchen. Doch als peinlichen stilistischen Ausrutscher kann man sie auch einem Schriftsteller wie Walser nicht durchgehen lassen.

In dieses Setting – das als Altersgeilheit zu bezeichnen Walsers vehementen Widerspruch hervorgerufen hat – passt auch jene Episode, die zum Berufswechsel seines Juristen geführt hat. Dabei wechselt der Text – wie gelegentlich – von der Ich- zur Er-Perspektive. Die Verführung sitzt diesmal auf dem Barhocker: "ihre gleißenden Oberschenkel und ihr rot-schwarzes Rockrüschengewell". Da sich der Oberregierungsrat in einer "Tristan"-Premiere befindet, ist er offenbar erregt und tippt mit dem Zeigefinger (Achtung, Phallussymbol) auf die "gleißende Schenkelrundung".

Leider führt dieser Übergriff nicht zu dem erhofften Rendezvous, sondern zu einer bösen Schlagzeile. Mall, der sich naturgemäß zu Unrecht verfolgt sieht, flieht in simulierte Demenz. "Ich bin nicht der, den ihr aus mir machen wollt": Das ist wohl nicht nur sein Leitmotiv. "Mir entkommen möchte ich, aber wohin": Das ist eine berechtigte Frage. Für Martin Walser hat die Antwort bisher immer gelautet: in die Literatur. Dass diese Flucht noch funktioniert: Erhebliche Zweifel sind angebracht.
Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 107 Seiten, 18 Euro.