Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

04. März 2017

Solo für einen Mund

Theater, Musik, Film, Lesungen und eine Ausstellung: Das E-Werk Freiburg veranstaltet von heute an ein multimediales Beckett-Festival.

  1. - Foto: Barbara Bray

Marek Kedzierski lebt seit vielen Jahren unerkannt in Freiburg. Dabei ist er wohl einer der größten Beckett-Kenner unserer Zeit. Der gebürtige Krakauer hat den irischen Dichter in den 1980er-Jahren kennengelernt, als dieser in Berlin inszenierte und für den damaligen SWF produzierte. Beckett (1906–1989) hatte von Jugend an eine besondere Beziehung zu Deutschland und hat hier künstlerisch vieles ausprobiert – auch im Medium Radio. Kedzierski war zunächst vom Menschen Beckett fasziniert: von dieser Mischung aus Fragilität und Stärke, wie er am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im E-Werk erzählte, auf der ein für das soziokulturelle Zentrum herausragendes Ereignis angekündigt wurde.

"Becket@111" haben die Organisatoren ihr dem Literaturnobelpreisträger gewidmetes Festival kess genannt. Die Zahl spielt auf den am 13. April zu begehenden 111. Geburtstag Becketts an: Klar kann das ein Anlass sein, um sich seinem Werk auf andere Weise zu nähern, als es das Theater als Institution unternehmen kann. Auf den deutschsprachigen Bühnen ist Beckett nach wie vor vor allem mit seinen Klassikern "Warten auf Godot", "Glückliche Tage" oder "Endspiel" – erst im vergangenen Jahr in Dieter Dorns herausragender Inszenierung bei den Salzburger Festspielen – präsent.

Werbung


Im Zentrum steht der Beckett der experimentellen Form

Kedzierski und seinen Mitstreiter Raimund Schall vom Theater Zerberus interessieren mehr der Beckett der kleinen experimentellen Formen und der genre- übergreifenden künstlerischen Neugier, die den Schriftsteller schon vor 50 Jahren zum Umgang mit Techniken führte, die erst allmählich ins ästhetische Blickfeld gerieten. Samuel Beckett war seiner Zeit in dieser Hinsicht weit voraus.

Aus Sicht der Festivalorganisatoren ist deshalb nichts falscher, als in Beckett hauptsächlich den Theaterautor zu sehen. Nichts trifft auf Beckett weniger zu als das Klischee vom Erfinder des absurden Theaters. Deshalb ist das vom 4. bis zum 11. März stattfindende internationale Festival – mit Anbindung an Krakau und Trondheim – multimedial angelegt. Der erste Komplex trägt den Titel, der als Motto über dem ganzen Festival steht: "fail better" – "besser scheitern". In der Regie von Marek Kedzierski performt die in Freiburg lebende Schauspielerin Fabienne Trüssel das Kurzstück "Nicht Ich" – ein Solo für einen Mund und einen Strom von Worten. Es bildet so etwas wie einen roten Faden für das Festival. Noch zweimal kommt es zur Aufführung: in einer deutsch-italienisch-englischen und in einer deutsch-französischen-englischen Interlinear-Version. Beckett selbst hat gleichermaßen auf Englisch wie auf Französisch geschrieben, las Dante auf Italienisch, er war ein Europäer im besten kulturgeschichtlichen Sinn und ein Avantgardist, der bis heute einen großen Einfluss auf Künstler aller Sparten ausübt.

Musik spielt beim Festival eine besondere Rolle: Schon beim "Cabaret Métaphysique" des Theater Zerberus, eine von drei theatralen Performances zur Eröffnung – die zweite widmet sich Becketts 1982 geschriebenem Stück "Katastrophe" – arbeitet Schall unter anderem mit dem Jazz-Cellisten Muneer B. Fennell zusammen. Am 8. März, dem der Musik gewidmeten Festivaltag, sind allein drei Uraufführungen Neuer Musik mit Instrumenten, elektronischer Musik, Video, Tonband und einer internationalen Besetzung zu hören. Am 9. März gibt es zwei Vorträge. Den einen bestreitet Walter Asmus, Becketts Assistent und Stellvertreter während Becketts "Godot"-Inszenierung 1975 am Berliner Schiller-Theater. Bis zu Becketts Tod hat er immer wieder mit ihm zusammengearbeitet. Der Vortrag trägt den bezeichnenden Titel "In seinen Augen". Für "Beckett’s Germany" ist Mark Nixon von der Universität der englischen Stadt Reading zuständig. Im Gespräch mit Katharina Klüppel vom Literaturbüro Freiburg zeichnet Nixon die Wege des jungen Beckett nach und gibt einen ersten Einblick in das letzte große unveröffentlichte Werk des Autors, das 2018 in einer kritischen Ausgabe erscheinen wird. Für den 10. März ist – in Zusammenarbeit mit dem Literaturbüro – eine lange Lesungsnacht geplant. Auch hier überlappen sich Worte und Musik.

Besonders aufschlussreich verspricht ein Dokumentarfilm zu werden, den Marek Kedzierski 2013 in Paris gedreht hat. "Rue Samuel Beckett: Barbara Bray" handelt von der langjährigen Arbeits- und Liebesbeziehung des Dichters zu der damals in Paris lebenden Übersetzerin, von der unter anderem 700 Briefe künden. Kedzierski war mit Barbara Bray befreundet und besitzt aus ihrem Nachlass unter anderem eine ganze Serie von bisher unveröffentlichten Polaroids, die Beckett sehr entspannt beim Feuermachen, Rauchen und anderen Freizeitaktivitäten zeigen.

Eine Chance, das Profl des E-Werkes zu schärfen

E-Werk-Leiter Jürgen Eick konnte sich bei der Präsentation des Programms vor Begeisterung kaum einkriegen. Kein Wunder: Das von öffentlicher Hand finanzierte Festival könnte nicht besser in das Profil passen, das Eick für sein Haus schärfen will: Multimediale, genreübergreifende Veranstaltungen, experimentelle Formate, Performances. Gut gefallen dürfte ihm deshalb auch, dass alle Veranstaltungen in der zentralen Halle stattfinden – manchmal sogar parallel, wenn die Ausstellung "Augen" des Ingmar-Bergman-Assistenten Karl Dunér als Loop läuft. Keine Frage: "fail better – beckett@111" hat große Chancen, auch überregional Interesse zu wecken. Die Stuttgarter Beckett-Gesellschaft hat sich jedenfalls schon angemeldet.

Festival: "fail better – becket@111", vom 4. März bis zum 11. März in Freiburg im E-Werk (Escholzstraße 77) und im Kommunalen Kino (Urachstr. 40)

Programm und Informationen:      http://www.beckett111.net

Autor: Bettina Schulte