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31. Januar 2015 00:10 Uhr

Roman

T. C. Boyles "Hart auf hart": Zu zweit gegen alle

"Hart auf hart" heißt der neue Roman von T. C. Boyle. Darin hetzt der Bestseller-Autor zwei linke Wutbürger aufeinander – und bringt sie in einer Amour fou zusammen.

  1. T. C. Boyle Foto: Thomas Kunz

Der Titel von T.C. Boyles neuem Roman "The harder they come" (auf Deutsch etwa: Je höher sie steigen) zitiert einen Reggae von Jimmy Cliff, das Motto stammt von D.H.Lawrence: "Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder. Sie ist noch nicht geschmolzen." Boyle bringt den Hochmut und die Härte der amerikanischen Seele in drei Figuren zum Kochen und Schmelzen: Vater, Sohn, Frau.

Sten ist ein cholerischer Patriot, der immer seinen Mann stand, wenn es hart auf hart ging: Als Soldat in Vietnam, als Rektor einer Problemschule, als Mitglied einer Bürgerwehr gegen illegale Einwanderer; nur als Vater hat er versagt, und das kann er sich nicht verzeihen. Auf einer Kreuzfahrt durch die Karibik explodiert seine aufgestaute Wut: Beim Landgang im Urwald ausgeraubt, gedemütigt und bespuckt, tötet Sten einen der Räuber mit bloßen Händen. Es ist ein schmächtiges Bürschchen. Nicht einmal Sten fühlt sich ganz wohl dabei, dass er wie ein Held gefeiert wird.

Die Episode im Dschungel wirft Fragen auf, die Boyle in seinem Roman (dessen deutsche Ausgabe übrigens vor der amerikanischen erscheint) von allen Seiten her beleuchtet: Wann schlägt das Recht auf Selbstverteidigung in Faustrecht um? Ist das staatliche Gewaltmonopol ein Eingriff in die Natur- und Freiheitsrechte des Individuums oder Schutz vor privater Willkür? In Europa ist der Wutbürger, wie er sich etwa in der Pegida-Bewegung manifestiert, eine suspekte Randfigur des demokratischen Prozesses. In den USA dagegen, dem Land von Thoreau und Emerson (und Rechtsterroristen wie Timothy McVeigh), gibt es, nicht nur in der Waffenlobby oder der republikanischen Teaparty, starke libertäre Strömungen, die dem Staat das Recht auf die Erhebung von Steuern und Sozialabgaben absprechen. Boyle hetzt in "Hart auf hart" zwei dieser diffus linken Wutbürger aufeinander, mit denen kein Staat zu machen ist, aber doch so etwas wie eine Amour fou.

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Die vierzigjährige Hufschmiedin Sara ist eigentlich eine normale junge Frau, die sich, wie so viele Freaks, in die Wälder Nordkaliforniens zurückgezogen hat, weit weg von Bürokraten, Bullen, "Mehrwertsteuernazis" und Spießern. Mit der "illegitime Regierung des Amerikas der Konzerne" hat sie als souveräne Bürgerin "keinen Vertrag". Streifenpolizisten sind für sie Clowns in Halloweenverkleidung, die sie mit "DNZ" (Drohungen, Nötigung, Zwang) terrorisieren, und das kann nur böse enden. Sara fährt grundsätzlich ohne Sicherheitsgurt und oft betrunken oder bekifft Auto und reagiert ausgesprochen ungehalten, wenn sie ihren Führerschein zeigen soll. Behördenschreiben, richterliche Verfügungen und gutgemeinte Ermahnungen schlägt sie sorglos in den Wind, und wenn sie richtig wütend wird, etwa weil man ihr den geliebten Hund wegnimmt, dreht sie schon mal durch. Irgendwann wird die Frau, die nicht "Sklavin des Systems" werden will, wie eine Verbrecherin gejagt.

In Stens 25-jährigem Sorgenkind Adam findet Sara einen Verbündeten, der seinen Hass auf Staat und Gesellschaft noch radikaler lebt. Er nennt sich John Colter, nach dem legendären Waldläufer und Kundschafter der Lewis-Clark-Expedition, aber er ist nur ein psychisch kranker "Schizo", der zur Verzweiflung seiner Eltern alle Brücken zur Zivilisation, alle Therapien und Schulen abgebrochen hat. Kahl geschoren, von Drogen umnebelt, mit Tarnanzug, Nachtsichtgerät und einem chinesischen Sturmgewehr bewaffnet, zog sich der "erster Waldläufer der modernen Zeit" in einen Bunker im Wald zurück, um einen Ein-Mann-Krieg gegen Chinesen, Aliens, Väter und ihre Handlanger in Washington zu führen. Der Mann ist eine tickenden Zeitbombe, ein explosives Gebräu aus Crystal Meth und pubertärer Geilheit, Freiheitspathos und kruden Verschwörungstheorien, schroff, schweigsam und unberechenbar; aber für Sara ist es Liebe auf den ersten Blick, und auch für den Psychotiker ist wilder Sex mit der Frau, die seine Mutter sein könnte, eines harten Kriegers nicht unwürdig.

Boyle liebt die Außenseiter und Outlaws

Adam schwadroniert ständig vom "hart werden und hart bleiben", aber er hat auch weiche Seiten; manchmal, wenn die "Rädchen" in seinem Kopf stillstehen, ist er nur ein hilfloser, verstörter Junge, der Dünnschiss und Sehnsucht nach einem warmen Bett hat. Aber Schwäche zeigen oder gar aufgeben ist keine Option, und so wird der selbsternannte Waldläufer nach wochenlanger Hetzjagd wie ein waidwundes Tier erschossen. Boyle greift dabei auf einen ähnlichen Fall zurück, der sich vor drei Jahren in den Wäldern Kaliforniens abspielte.

Sein Adam ist nur ein roboterhafter Berserker, mehr Typus als Charakter, aber Sara ist in ihren aus Trotz, Hass und rührender Liebesbedürftigkeit zusammengesetzten Widersprüchen differenziert gezeichnet, und auch Sten ist kein Pappkamerad. Ja, er ist ein alternder Macho, emotional verhärtet, latent gewalttätig und rassistisch ("Das hier ist Amerika, du Scheißkerl"), aber doch auch ein Vater, der seinen verlorenen Sohn zu retten versucht. Am Ende wird der cholerische Vietnamveteran nicht mehr wehrlose Menschen, sondern nur noch Golfbälle schlagen.

Boyle liebt die Außenseiter und Outlaws, die sich im Kampf gegen das Amerika der Konzerne und des Konsums aufreiben, die Naturapostel, Spinner, Öko- und Drogenfreaks, die mit ihrem Idealismus an der Welt und ihrer eigenen Selbstgerechtigkeit scheitern. In "Wenn das Schlachten vorbei ist" etwa beschrieb er einen militanten Tierschützer, der in seiner rasenden Wut zum Amok laufenden Kohlhaas wurde. "Hart auf hart" ist noch härter und wütender (und literarisch deutlich überzeugender als Boyles letzter Roman, das langweilige Siedlerinnen-Epos "San Miguel"): Kritik und zugleich engagierte Verteidigung des amerikanischen Traums vom Streben nach Freiheit und Glück.

Der bekennende Althippie und engagierte Globalisierungskritiker Boyle hat offensichtlich Respekt, wenn nicht gar Sympathie für das Bonnie-und-Clyde-Paar, das an seiner Maß- und Kompromisslosigkeit zugrunde geht: In Adam und seiner Eva Sara lebt der Geist der Pioniere und Waldläufer fort, wie pervertiert, krank und jämmerlich auch immer.

– T.Coraghessan Boyle: Hart auf hart. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2015. 396 Seiten, 22,90 Euro.

Autor: Martin Halter