Wie fühlt ein Mädchen?

Ursula Thomas-Stein

Von Ursula Thomas-Stein

Di, 03. März 2015

Literatur & Vorträge

In Nils Mohls Roman wechselt ein Junge die Perspektive.

Miguel ist weder Transvestit noch transsexuell. Und doch verkleidet sich der 15-Jährige als Mädchen und erlebt einen Samstagabend aus einer völlig neuen Perspektive. Ganz freiwillig ist das nicht. Seine Kumpels setzen ihn unter Druck, aber er kneift auch nicht. Was sich zuerst wie ein Albtraum anfühlt, entwickelt sich zu einem erstaunlichen Abenteuer. Dabei überzeugt Miguel als Miguela und aufgeweckter Ich-Erzähler. Die Geschichte spielt im Umfeld einer Großstadt: Flo, Dimi, Sebastian und Miguel sind zwischen 14 und 16 Jahren alt und kennen sich schon ihr "ganzes kurzes Leben lang". Sie sind zusammen in den Plattenbaukästen am Stadtrand aufgewachsen, teilen den gleichen Handy-Zwitscherton und den Spaß, Becherpong zu spielen. Denn weder mit Fußball noch mit Mädchen läuft viel. "Der Gott, der sich Candy ausgedacht hat, ist ein verfluchtes Genie" erzählt Miguel über seinen Schwarm. Er hat natürlich noch kein Wort mit ihr geredet – das wird sich bald ändern. In der ChackaBum!-Disko freundet sich Miguel, jetzt Miguela, mit Candy an. Als er die Chance sieht, ihr zu helfen, gerät das Experiment außer Kontrolle.

Miguels wortgewandter, quicklebendiger Bewusstseinsstrom reißt einfach mit. In seine Rolle als Mädchen wächst er selbstbewusst hinein, kommentiert sein Erleben pointiert und feinfühlig. Seine Antennen nehmen die fiese Stimmung der Jungs wahr, das Gaffen des Tankwarts, die grobe Anmache in der Disko und den nur scheinbar charmanten Filmstudenten. Candys "Vertraute" zu werden, findet er dafür "super g." Er mag besonders die "Sonderausstattung" an ihr – ihren Humor, der ihn schon in der Schulcafeteria amüsierte. Aber wie fühlt es sich an, selbst Mädchen zu sein?

Als er in der Disko kurz allein dasteht, überlegt er: "Ist das ein Mädchenschicksal? Du stehst immer unter dem Druck, harmlos und hübsch zu wirken." Auch Jungs stehen unter Druck, einer besonders: "Flo hält sich für einen Typen, der sich beim Militär gut machen würde. Wobei du immer hoffen musst, dass das Militär ihn nicht nehmen wird. Weil, eines Tages kommt er sonst unter Garantie von einem Auslandseinsatz zurück und zeigt dir stolz eine Tüte voll Ohren." Es ist klar, der Abend wird eskalieren. Miguel / Miguela macht das Beste draus – auch beste Unterhaltung.
– Nils Mohl: Mogel. Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2014. 208 Seiten, 9,99 Euro. Ab 14.