Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. September 2015

Zylinder-Kopf-Dichtung 2.0

"Tropfenfänger & kreisende Kolben": Dirk Schindelbecks "Markensonette".

  1. - Foto: Verlag

Das Sonett ist eine der am strengsten reglementierten, technisch schwierigsten Formen poetischen Sprechens und gilt daher auch vielen als "höchste aller Dichtungsformen". 14 Zeilen, jeweils zwei Vier- und Dreizeiler, ein kompliziertes metrisches Schema mit Alexandrinern, Jamben und umarmenden Reimen, eine regelrecht argumentative Struktur mit These, Antithese und Synthese und natürlich ein Gegenstand von allererster Güte (bei Meistern wie Shakespeare war es die Liebe, bei Rilke genügte ein "poetisches Ding"): Kein Wunder, dass das Sonett nach 1945 nur noch wenige Freunde und Meister fand. "Sonette find ich sowas von beschissen,/so eng, rigide, irgendwie nicht gut;/es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,/daß wer Sonette schreibt…"Immerhin, Robert Gernhardts berühmte "Materialien zur Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Gedichtform" waren selber ein formvollendetes Sonett.

Dirk Schindelbeck, Freiburger Historiker, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller, hält es dagegen eher mit Goethes Sonett "Natur und Kunst": "Wer Großes will, muss sich zusammenraffen/ In der Beschränkung erst zeigt sich der Meister/ Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben". Schindelbeck hat über das Sonett promoviert und schreibt seit über vierzig Jahren Sonette. Nicht unbedingt über klassische Themen wie Kunst, Liebe und Vergänglichkeit, sondern über jene oft skurrilen Alltagsgegenstände aus der Frühzeit der Industriegeschichte, denen er auch in seiner Arbeit als Mode-, Technik- und Werbehistoriker begegnet: Fliegen- und Tropfenfänger, Hosenträger und Wankelmotoren, die "Es-ist-erreicht"-Bartbinde und Dr. Eckigs Flohfangmaschinen aus der Kaiserzeit, die Lippenstifte, Nylonstrümpfe und Rasierer der 50er.

Werbung


Schindelbeck liebt am Sonett nicht nur die sprachliche und intellektuelle Herausforderung: Die traditionell zu künstlerischer Reflexion und Selbstreflexion tendierende Gedichtform ist für ihn "Aufnahmeapparatur, Kommentator und Markenartikel" in einem. "Sonettieren" ist für ihn Hobby und Leidenschaft, aber auch eine Art Werkzeug. Das Sonett kann seriell produziert, modular verknüpft und sogar gestapelt werden; es ist mathematisch-musikalische Denkfigur und Schreibtherapie, Weltaneignungsmodell und Rettungsanker und nicht zuletzt: Prozessanalyse, Gebrauchsanleitung und Werbeprospekt seiner selbst. In "der monteur gibt auskunft" – nicht nur die radikale Kleinschreibung erinnert an die kybernetische Literatur und konkrete Poesie – erklärt Schindelbeck in Sonettform die Funktionsweise eines Heizungsthermostats. Noch inniger verbunden sind technische und poetische Dichtung in seinem Sonett über eine (defekte) Zylinderkopfdichtung: "¬¬_jetzt hilft nur noch_den Kopf herunter reißen/_motorblock schleifen: frische dichtung richten/auflegen_akkurat den kopf draufpassen/so wird das schlimmste sich verhindern lassen_/wo technik ist_ gibts dinge die verschleißen_/ _jetzt kann_der_kopf_auch_wieder_richtig_dichten_". In einem 15-teiligen Sonettkranz mit farbigem Schaltplan greift Schindelbeck selbstironisch Sollbruchstellen und Störfälle seiner "Großen Wortmaschine" auf.

In seinen Sonetten über Demenz, Inkontinenz, Gehhilfen und letzte Liebe zeigt er eine meditative Gelassenheit und altersweise Melancholie, die fast schon an Andreas Gryphius erinnert: Der Mensch ist ein Erdenwurm, eitel und vergänglich, aber nichts in seinem Leben ist zu klein, um nicht von allen Seiten betrachtet, wohlwollend belächelt oder kritisch reflektiert werden zu können.

Manche der rund 70 Sonette sind mit erklärenden Fußnoten, alle mit emblematischen Bildern versehen: Kuriose Werbeplakate, alte Schwarzweißfotos, ab und zu auch ein Diagramm, eine Dada-Grafik oder die wunderbaren New Yorker Straßenszenen des Freiburger Mode- und Werbegrafikers Gerhard Grimm mit mondänen Damen, traurigen Teenagern und wütenden Schwarzen. So zeigt Schindelbeck auf originelle Weise, dass das Sonett kein altmodisches, leeres Reimgeklapper ist, sondern ein "überaus alltagstaugliches Sendeformat", das praktisch alles aufnehmen und als vergnügliches Lehrgedicht wiedergeben kann.

Dirk Schindelbeck (Text) und Alexander Rosner (Layout):"Tropfenfänger & kreisende Kolben. Deutsche Marken-Sonette 2.0.15".Lavori-Verlag Freiburg 2015, 160 S., 90 Abb., 29,80 Euro.
Am 16.9.,17 Uhr, Uhr wird der Autor sein Buch in den Räumen der Stiftungsverwaltung Freiburg im Adelhauser Kloster vorstellen.

Autor: Martin Halter