Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
19. November 2011
ai-Gruppe 521, Lörrach, Jahrgang 1976
50 JAHRE AMNESTY INTERNATIONAL, TEIL 3: In den bewegten 70ern wird man auch vor Ort aktiv.
LÖRRACH (BZ). Vor 50 Jahren wurde die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) gegründet. Die Lörracher Gruppe zeigt aus diesem Anlass bis zum 24. November einen Ausstellung im Museum am Burghof. Die BZ begleitet das mit einer Serie, in jeder Folge stellen Lörracher ai-Mitglieder ein Thema in den Mittelpunkt, das für ein Jahrzehnt steht. Heute geht es um die Anfangszeit der Lörracher Gruppe, die 1976 entstand.Vitus Lempfert und Margaret Jardas gehörten zu den Gründern, Doris Haub kam zwei Jahre später dazu und ist bis heute Teil der Gruppe.
Vitus Lempfert schildert den gesellschaftspolitischen Hintergrund. Amnesty International entstand vor der 68er-Bewegung, aber die bewegte Zeit hatte eine Gründungswelle neuer Gruppen zur Folge, auch im Dreiland. Er sei eines Tages durch Lörrach gegangen und dabei auf einen Stand von ai Schopfheim/Rheinfelden gestoßen, erinnert sich Lempfert. Ziel der Aktion war es, in der Kreisstadt die Gründung einer Gruppe anzustoßen – was dann auch gelang. Die Namen Vitus Lempfert und Margaret Jardas standen am Ende neben zehn anderen auf der Liste, die Arbeit begann. Die ai-Leute aus der Nachbarstadt leistete noch ein bisschen Entwicklungshilfe, dann war man selber groß. Die Amnesty-Gruppe 512 war geboren, die irgendwann noch einen Tausender angeklebt bekam und heute die Gruppe mit der Nummer 1512 ist.
Werbung
Wie das damals im Sinne der Neutralität so üblich war, bekamen die Lörracher drei Fälle zugewiesen: einen aus Bulgarien, einen aus Syrien, einen aus Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Für die Gefangenen aus Bulgarien und Syrien habe man "ganz wenig erreicht", erinnert sich Margaret Jardas. "Das war natürlich schon frustrierend". Der Rhodesier kam frei. Obwohl das nicht nur ai, sondern auch dem Systemwechsel zu verdanken war, war es "ein erstes Erfolgserlebnis", sagt Lempfert. In den 80er Jahren ergänzte man die individuelle Betreuung durch Aufklärungsarbeit auf politischer Ebene – unter anderem darüber, dass Hunger und Menschenrechtsverletzungen in armen Ländern viel zu tun haben mit der Politik in den reichen Industrienationen, erklärt Lempfert. Es galt, ,,Widersprüche sichtbar zu machen". Man hoffte, durch Veränderungen hier positive Entwicklungen in den Diktaturen fördern zu können. Heute sehe man das nüchterner.
Über die Jahre gab es eine gewisse Fluktuation rund um einen festen Kern, der zuverlässig und seriös arbeitete, erinnern sich die drei "Urgesteine". "Das sind Leute, die treten ein und bleiben", sagt Lempfert. Ihn habe überzeugt, dass Amnesty auf Neutralität Wert legt und auf Gewaltfreiheit, dass der Hintergrund jeden Falles akribisch recherchiert werde. Er selbst gab Anfang der 90er Jahre nur auf, weil er in der Asylarbeit vor Ort den noch größeren Handlungsbedarf sah und sein Engagement verlagerte.
Auch auf Förderer und Spender habe man sich stets verlassen können, sagt das Trio. Mit sehr einfachen Mitteln habe man anfangs auskommen müssen. Viele Stände machte man, Veranstaltungen, am 10. Dezember regelmäßig eine Mahnwache, eng war die Zusammenarbeit mit der Aktion Dritte Welt. Die Arbeit habe sich mit der Zeit verändert, sagt Doris Haub, die seit mehr als 30 Jahren dabei ist. Beim Internationalen Sommerfest ist ai noch präsent, auch Veranstaltungen macht die Gruppe. Ein Schwergewicht sind heute die Eilaktionen für akut Bedrohte. Was sich noch geändert hat: Längst stößt das Engagement, das anfangs misstrauisch beäugt wurde, auf breite Anerkennung.
Dass die Arbeit über die Briefaktionen so konkret sei, halte sie dabei. "Ich finde es faszinierend, dass ich mich mit einer Unterschrift beteiligen kann", sagt sie. Die Gruppe habe Durststrecken erlebt, sei derzeit aber wieder sehr stabil. Älter sei man im Schnitt geworden, doch immer mal habe es auch Schülergruppen gegeben, wie zur Zeit wieder am Hans-Thoma-Gymnasium. So ist ai in Lörrach bis heute auf eine leise, aber wirksame Weise lebendig.
Autor: seh
