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01. September 2012

Als Tourist in der Olympiastadt

Der Lörracher Markus Lievert ist ein ausgezeichneter Schütze, jetzt verfolgt er die paralympischen Spiele zu Hause.

  1. Schütze Markus Lievert Foto: A. Frey

LÖRRACH. Markus Lievert sieht in diesen Tagen gerne fern. Wenn ARD und ZDF von den paralympischen Spielen in London berichten, dann interessieren ihn vor allem die Wettkämpfe der Sportschützen. Kein Wunder, er ist ja selber einer.

Viel lieber sieht Lievert allerdings durch sein Visier. Bereits seit mehr als zwanzig Jahren zielt er mit Waffen und Pistolen auf Zielscheiben – und trifft sehr gut. Das ist allerdings nicht selbstverständlich, denn Lievert, 38 Jahre alt, ist einseitig gelähmt. Nach einer schweren Hirnblutung im Kindesalter änderte sich sein Leben abrupt. Häufig ist er auf die Hilfe seiner Familie angewiesen, gleichwohl versucht er seinen Alltag – so gut es geht – selbständig zu bewältigen. Das Sprechen fällt ihm allerdings bis heute schwer, deswegen ist zum Gespräch auch sein Vater mitgekommen, um ihn zu unterstützen. Gemeinsam lebt Markus Lievert mit acht anderen Körperbehinderten auf einer Etage im Tumringer Betreuten Wohnen und arbeitet bei der Lebenshilfe.

Jetzt, während den olympischen und paralympischen Spielen, gerät seine Leidenschaft, das Schießen, wieder einmal in den sportlichen Fokus, während es in den vorigen Jahren häufig nur mit Amokläufen in Zusammenhang gebracht wurde. Dass Sportschützen häufig negative Assoziationen wecken, findet er schade. "Schießen ist ein Leistungssport, der unterschätzt wird. Wir müssen anderthalb Stunden hochkonzentriert sein", sagt er. Natürlich müsse man mit den Waffen verantwortungsbewusst umgehen. Laxe Verhältnisse wie in den USA oder früher in der Schweiz findet er bedenklich. Deshalb sind seine Waffen verschlossen im Safe, wenn er sie nicht benutzt.

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Erst vergangene Woche hat Lievert mit seinem Vater London besucht. Bruder Timo lebt und arbeitet in der britischen Hauptstadt. Die Sportstätten jedoch bekamen sie nicht zu Gesicht, sie wurden für die Wettkämpfe der Behinderten umgebaut. Dafür lief gegen Abend die MS Deutschland mit den deutschen Athleten aus dem Hafen, und die Familie Lievert winkte vom Themse-Ufer hinterher.

Dass Markus Lievert nicht bei den paralympischen Spielen teilnimmt, frustriert ihn nicht. Er hat sehr lange auf hohem Niveau geschossen, war sogar auf bundesdeutschen Lehrgängen dabei, aber bis ganz an die Weltspitze hat er es nicht geschafft. "Ich wollte das nicht erzwingen", sagt er. Der Sport solle vor allem Spaß bereiten. Im Vergleich zu anderen Behinderten hat es Lievert allerdings auch etwas schwerer. Er kann seine Waffe nicht halten, weshalb sie auf einem Federbock aufliegt. Außerdem muss er mit links schießen, obwohl er eigentlich Rechtshänder ist. Zwei Klassen werden bei den Behindertenschützen unterschieden: Sportler, die frei schießen, und Sportler, die die Waffe auflegen.

Seine Schießkarriere begann er bei der Schützengesellschaft Lörrach. Er schießt heute auch noch für den Behinderten- und Rehabilitationssportverein Lörrach und in der zweiten Mannschaft des Schützenvereins Egringen. Dort ist ihm vor drei Jahren etwas widerfahren, womit viele Behinderte wie der bekannte Läufer Oscar Pistorius hadern. Wenn sie zu gut werden, grenzt man sie aus. Als die erste Mannschaft, in der Lievert damals schoss, von der Bezirks- in die Verbandsliga aufstieg, verbot man ihm, mitzuschießen. "Am Anfang hieß es: Toll, jetzt lassen wir einen Behinderten mitschießen. Nach dem Aufstieg sagte dann der Verband, er habe einen Wettbewerbsvorteil." Ob dem so ist, lässt sich nur schwer beantworten. Ist das Auflegen einer Waffe ein so großer Vorteil, der das körperliche Handicap überkompensiert? Nicht einmal Sportwissenschaftler vermögen eine zufriedenstellende Antwort zu geben.

Lievert will vor allem schießen, weil es ihm Spaß macht. Nächste Gelegenheit dazu erhält er kommende Woche in München bei der deutschen Meisterschaft.

Autor: Andreas Frey