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21. Oktober 2017 09:36 Uhr

Lörrach

Ausstellung über die Flucht in die Schweiz im Weltkrieg

Die Ausstellung "Endstation Grenzzaun?" im Landratsamt Lörrach behandelt die Abriegelung des Deutschen Reiches – und wie Menschen trotzdem in die Schweiz fliehen konnten.

  1. Eine Kommission besichtigt 1942 die Arbeiten an der Wiese. Foto: Bestand Rudolf Vetter/ZVG Landratsamt Lörrach, Mail von Mai-Kim Lam, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit und Kreistag

  2. Martina Voigt Foto: David-Wenk

Einer Besucherin war es zu wenig. Sie verließ zwischen den Vorträgen den Saal. Für sie war der rein historische Blick auf den Zaun zwischen Grenzach und Weil am Rhein, der in einer Blitzaktion 1942 errichtet worden war, zu wenig tagesaktuell, die Situation heutiger Flüchtender nicht genügend thematisiert.

Die Ausstellung "Endstation Grenzzaun?" im Foyer des Landratsamtes behandelt die Abriegelung des Deutschen Reiches und wie es Bürgern in Weil, Grenzach und Lörrach gelang, trotz des Stacheldrahts Menschen in die rettende Schweiz zu bringen.

Selbstverständlich bleibt die Tagespolitik nicht unerwähnt. Landrätin Marion Dammann zieht den Bogen zu Zäunen auf dem Balkan, in Mexiko oder Nordafrika. Im heutigen Miteinander in Europa seien die Grenzen unsichtbar geworden, doch diese Selbstverständlichkeit sei zunehmend bedroht.

Fotos sind erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich

"Der Grenzzaun hat es nicht geschafft, uns zu trennen", ist sie sich bei der regen Zusammenarbeit zwischen Riehen und Lörrach 75 Jahre nach der Errichtung des Stacheldrahtverhaus sicher.

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Der Historiker Ulrich Tromm stieß auf Fotos des damaligen Bauleiters Siegfried Vetter, der trotz Verbot die Arbeiten am Zaun fotografierte. Sein Sohn Rudolf Vetter in Siegen stellte diese Bilder den hiesigen Archiven zur Verfügung. Erstmals sind sie nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Kurator Tromm freut sich, mit den historischen Aufnahmen aus dem musealen Umfeld herausgetreten zu sein.

Unweigerlich erinnern die Bilder vom Zaunbau an die DDR. Genauso wie jene wollten auch die Nazis Menschen daran hindern, das Land zu verlassen. Einheimische kannten die Schwachstellen der martialischen Verbauung. Einheimische Juden gab es 1942, zwei Jahre nach der Deportation der badischen Juden nach Gurs, in Lörrach nicht mehr. Doch in Berlin lebten im Februar 1943 immer noch 30 000 Juden, die meisten im Untergrund.

Die Fluchthelferinnen Adelheid Sulger und Lucia Schaub

Martina Voigt von der Gedenkstätte "Stille Helden – Widerstand gegen die Judenverfolgung" in Berlin erzählte in ihrem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung die Geschichte der beiden Weiler Hausfrauen Adelheid Sulger und Lucia Schaub, Fluchthelferinnen in einem Netzwerk Weil-Grenzach-Berlin.

Die engagierte Katholikin Adelheid Sulger wurde von ihrer Freundin aus Basler Zeiten Margit Pieper, geborene Stückelberger, als Fluchthelferin engagiert. Margit war in Berlin verheiratet und sah die Not vieler Juden. Mit vielen war sie befreundet, so sann sie nach einer Möglichkeit, sie ins sichere Basel zu bringen.

Angesichts der Not war Adelheid Sulger schnell bereit zu helfen. Allein schaffte sie es aber nicht. Sie bat ihre Nachbarn, das Ehepaar Lucia und Wilhelm Schaub, um Unterstützung. Diese wiederum benötigten die Hilfe von Lucia Schaubs Schwager Xaver Beck, Zollassistent am Grenzacher Hörnle und NSDAP-Mitglied.

So gelang direkt neben einer NS-Verwaltung mit Hilfe des Ortspropagandaleiters des Kreises Lörrach 13 Juden der Grenzübertritt. Martina Voigt erzählte vom Geld, das die Flucht der letzten sieben Berliner gekostet hat. Sie wollte dies nicht bewerten, sie kenne die Gründe nicht. Sie wisse nur, dass einer der Berliner Organisatoren dringend Geld für Medikamente für seine Frau brauchte.

Zeitzeugen im Schatten des Zauns sollen sich melden

Im Sommer 1944 wurden Lucia und Wilhelm Schaub, Adelheid Sulger und Xaver Beck verhaftet. Fluchthilfe war Feindbegünstigung; darauf stand die Todesstrafe. Weshalb die Freiburger Reichsanwaltschaft nie ein Verfahren anberaumte, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Mit dem Krieg im Mai 1945 endete jedenfalls ihre Gefangenschaft.

Lucia und Wilhelm Schaub bekamen Wiedergutmachung, Berühmtheit erlangen sie nicht. Sie blieben bis zu ihrem Tod stille Helden. Von Adelheid Sulger existiert in der Berliner Gedenkstätte nicht einmal ein Foto. Voigt hofft nun auf diesem Weg, der mutigen Frau ein Gesicht geben zu können.

Nicht nur über das "Grenzacher Loch" gelangten Juden in die Schweiz. Friedrich Kuhn, Lehrer, Archäologe und Kreisdenkmalpfleger kannte die Verhältnisse auf dem Maienbühl wie seine Westentasche und half einem Ehepaar aus Köln nach Basel. Auch seine Geschichte ist Teil der Ausstellung.

Zwar fand Tromm einige Zeitzeugen und Verwandte der Helfer, doch hofft er auf weitere Menschen, die damals im Schatten des Zauns gelebt oder von den Rettungsversuchen des Markgräfler Netzwerks gewusst haben.

Zeitzeugen sind gebeten, Kreisarchiv Oliver Uthe, oliver.uthe@loerrach-landkreis.de, Telefon 07621/410 1430, zu kontaktieren.

Termine

Ausstellung: Bis 16. November im Foyer des Lörracher Landratsamts: Mo-Fr 8 bis 12.30, Do 13.30 bis 17.30 Uhr; 17.11. bis 1.12. im Gemeindehaus Riehen (Wettsteinstraße 1).
Kostenlose Führungen: 6. Oktober, 2., 9. und 16. November, jeweils 15 Uhr, mit Kurator Ulrich Tromm; ohne Anmeldung; Treffpunkt im Foyer.
Sonderführungen für Klassen und Gruppen: Anmeldung bei Kreisarchivar Oliver Uthe, Tel.  07621/410-1430.
Vortrag "Chancen und Fallstricke eines binationalen Ansatzes" von Professor Georg Kreis: Samstag, 18. November, 14 Uhr, Gemeindehaus Riehen

Autor: Martina David-Wenk