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19. November 2012

Authentischer Ausdruck

Lüül mit "Berlin Style" im "Nellie Nashorn" in Lörrach.

  1. Lüül Foto: Martina David Wenk

Alle hätten auch nicht auf die Bühne des Nellie Nashorn gepasst, doch tatsächlich ist Lüül (Lutz Graf-Ulbrich) nicht mit den 17 Hippies unterwegs, sondern mit seiner eigenen Band, die aus Musikern der 17 Hippies besteht und deren Musikstile sich stark ähneln. "Berlin Style" heißt die Musik ganz zeitgeistgemäß und in diesem Berliner Stil findet sich alles, was sich in Berlin auch findet. West und Ost treffen aufeinander, Folk und Chanson, die Texte sind in Deutsch und anderen Sprachen und alles groovt, ist tanzbar und von treibender Lebenslust durchtränkt.

"Tourkoller" heißt Lüüls aktuelles Programm und der Weitgereiste nimmt die Besucher mit auf eine Weltreise nach Südamerika über Hawaii zurück wieder nach Berlin. So müssten Spielleute des Mittelalters klingen, wenn es sie heute noch gäbe und solche Geschichten würden sie erzählen, wenn sie diese heute zum Besten gäben. Alle seien sie irgendwann einmal passiert, sagt Lüül, erfunden habe er nichts. Auch nichts von der Suche, die ihn immer noch antreibt, auch mit 60 Jahren noch; doch er kultiviert sie als sein Lebensmotto. Er ruht in sich, trägt seine Vergangenheit als einer der wichtigsten Vertreter des Krautrocks wie die Sommerbräune auf seiner Haut. Die mag zwar verblasst sein, doch verschwunden ist sie nicht. Er streift die Zeit mit Nico in New York, spricht das Thema an, ohne sich in der Zeit mit einer der Ikonen der 60er und 70er Jahre zu verlieren. Ist ja auch alles schon lange her.

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Heute macht Lüül Musik, die zwar immer noch experimentell ist, der man dies aber nicht anmerkt. Seine Musik ist kein Gegenentwurf zu allem Dagewesenen, sondern eher ein Zitatenschatz der Weltmusik. Ganz puristisch hat er sich zum Ziel gesetzt, Weltmusik nur mit akustischen Instrumenten zu zelebrieren. So zitiert er Folklore genauso wie die jüngere Musikgeschichte. Er weiß akustische Gitarre, Kontrabass, Akkordeon und Violine einzusetzen wie elektrisch verstärkte Instrumente einer Hardrockband zu Zeiten von Deep Purple oder Led Zeppelin. Ist aber auch in der Minimal Music zu Hause. Im Stil eines Folksongs aber doch aufs einfachste reduziert ist sein Song über das Verlassensein nach jener Tour, deretwegen er nun den Koller hat. Lüül findet keine hehren Worte für Einsamkeit und das Alltagsgrau. Er zählt nur auf, was nicht mehr ist, was fehlt. Text und Musik im Staccato für einen Zustand, dem alles Verbindende fremd ist. Er hat eine zerbrechliche Stimme, sie ist Ausdruck eines vielgelebten Lebens, nicht perfekt, nicht voluminös, doch dafür umso authentischer.

Überhaupt ist es dieses Echte, was begeistert an Lüül und seiner Band. Kerstin Kaernbach an der Violine, die so gut rocken, wie Folk spielen kann. Und vor allem Kruisko am Akkordeon. Bei ihm entpuppt sich das Instrument als wahres Keyboard. Kruisko weiß genauso südamerikanische Weisen wie Neue Musik zu intonieren. Er kann Tanzbares aus der Harmonika hervorlocken, wie Beklemmendes. Schade, dass die Ränge nicht gefüllt waren, andere Legenden haben es mitunter leichter in Lörrach.

Autor: Martina David Wenk