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15. Mai 2015

Bankwesen auf Abwegen

Kritische Diskussion über die Finanzwelt im Werkraum Schöpflin.

  1. Markus Muffler, Charlotte Geiger, Chin Meyer und Wolfgang Köhler (von links) diskutierten im Werkraum Schöpflin über die Finanzwelt. Foto: Mink

LÖRRACH. "Wenn man die Märkte sich selbst überlässt, zerstören sie die Grundlage ihrer eigenen Existenz." Das gilt insbesondere für die Finanzwirtschaft, wie der Journalist und Buchautor Wolfgang Köhler am Mittwochabend bei einer gut besuchten Diskussion im Werkraum Schöpflin feststellte. Auf der Bühne saßen neben Köhler der Finanz-Kabarettist Chin Meyer, Charlotte Geiger von Finance Watch und Markus Muffler, Burghof-Geschäftsführer und früherer Investmentbanker.

Chin Meyer machte anschaulich, was 2008 zur Finanzkrise geführt hat: Robert eröffnet beim Lörracher Bahnhof eine Kneipe, die schlecht läuft, weil dort viele arbeitslose Alkoholiker rumhängen. So entschließt er sich, diese zu bedienen und sie anschreiben zu lassen. Auf dem Papier sieht die Bilanz der Kneipe nun prima aus, was auch die Bank begeistert, die auf die Idee kommt, die Schuldscheine der Alkoholiker zu bündeln und als "Fuselanleihen" zu verkaufen. Das führt dazu, das Robert eine zweite Kneipe eröffnen kann und die Analysten großer Banken darauf aufmerksam werden und aus den Anleihen ein neues Finanzmarktprodukt machen. Die Wirtschaft springt an, andere Banken springen auf, schließlich schaffen die Banken "todsichere" DGZ (Delirium Garantie Zertifikate), die von den Rating-Agenturen bestens bewertet werden. Es entsteht ein riesiger Hype, bis ein kleiner Bankangestellter ein bisschen Geld von einem der Alkoholiker am Lörracher Bahnhof sehen will.

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Viel hat sich nicht geändert seit der in etwa so entstandenen Finanzkrise, meinte Köhler. Das liegt auch daran, dass die Banken 1700 Lobbyisten in Brüssel beschäftigen, Finance Watch hat 13 Leute, sagte Geiger. Tatsächlich herrscht am Finanzmarkt eine große Gier und eine große gegenseitige Aggressivität, sagte Markus Muffler, der bis 2003 in führenden Positionen mit Kreditderivaten gehandelt hat. "Da entsteht ein Rausch, ein Kick, dem sich keiner entziehen kann. Casino funktioniert nicht anders", sagte Muffler. Die Trennung von Investment- und Geschäftsbanken könnte eine Lösung sein, doch darüber werde vor Wahlen diskutiert, hinterher nicht mehr, sagte Köhler. Eher sei es wahrscheinlich, dass die Deutsche Bank von sich aus sagt, sie macht nur noch Investmentbanking, weil beim Geschäft mit Kunden zu wenig Gewinn hängen bleibt. Staatliche Regelungen gehen auch deswegen ins Leere, weil das Finanzsystem so komplex ist und die Politik nicht die nötige Sachkenntnis hat, sagte Muffler. Man müsste Fachleute dagegen setzen, meinte eine Zuhörerin. Aber wer bezahlt die, und zwar so, dass nicht jede Bank sagt: "Komm zu uns, bei uns verdienst du das Zehnfache."

Der Ökonom Joseph Schumpeter habe in den 1940er Jahren kritisiert, Aktionäre kämen ihrer Verantwortung als Eigentümer der Unternehmen nicht nach, weil sie nicht langfristig denken und anlegen. Damals wurden Aktien Monate oder Jahre gehalten. Heute beträgt die durchschnittliche Haltedauer 22 Sekunden. 80 Prozent aller Orders werden sofort storniert und nur abgegeben, um die Kurse zu beeinflussen. "Da pendelt sich nichts ein. Der Markt braucht Regeln, und diese müssen von Staaten gemacht werden", betonte Köhler.

Banken koppeln sich von Realwirtschaft ab

Nur noch knapp 20 Prozent der Aktivitäten der Banken beziehen sich auf die Realwirtschaft, der Rest läuft nur innerhalb des Finanzsystems ab, berichtete Charlotte Geiger. Wolfgang Köhler stellte aber fest: "Die eigentlichen Werte werden in der Industrie erschaffen, nämlich durch die Umwandlung von Rohstoffen in etwas Höherwertiges durch Arbeit." Alle waren sich aber einig, dass auch der Handel mit Schuldverschreibungen und Derivaten sinnvoll sein kann, nämlich um den Unternehmen Risiken abzunehmen. Aber dieses System sei pervers geworden und nicht mehr überschaubar, auch für viele Banker nicht, sagte Markus Muffler.

Autor: Thomas Loisl Mink