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21. September 2010
Betroffene brauchen einen geschützten Raum
BZ-INTERVIEW mit dem Psychiater Christoph Middendorf über Traumata und posttraumatische Störungen nach einem Amoklauf.
Nach einem Amoklauf wie in Lörrach sind Menschen, die als Unbeteiligte, Polizisten, Feuerwehrleute oder Helfer mit den Geschehnissen konfrontiert sind, oft traumatisiert und brauchen psychologische Betreuung. Karl-Heinz Fesenmeier sprach darüber mit dem Psychiater Christoph Middendorf, der Chefarzt an der Oberbergklinik in Hornberg ist.
BZ: Wie hat man sich eine psychologische Betreuung nach einem Amoklauf wie am Sonntag in Lörrach vorzustellen?
Middendorf: Das Wichtigste ist, dass die Betroffenen nach dem Ereignis in einer geschützten Umgebung sind, in der sie sich sicher fühlen. Sie müssen aus dem Kontext herausgenommen werden, damit erst einmal ein Abstand da ist. Das ist das erste, das gemacht werden muss. Man muss den Menschen Raum geben, um zu sprechen, um getröstet zu werden, um menschliche Anteilnahme und Unterstützung zu bekommen. Da ist im ersten Anlauf schon viel geholfen.
BZ: Müssen Polizisten oder Helfer ein solches Angebot annehmen?
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BZ: Wie häufig und wie wahrscheinlich ist das Auftreten eines Traumas nach solchen Ereignissen?
Middendorf: Das ist natürlich individuell sehr unterschiedlich. Man kann aber sagen, dass der Großteil der Menschen solche Situationen verarbeiten kann. Allerdings können sich auch posttraumatische Störungen entwickeln. Das sind erfahrungsgemäß etwa 10 bis 25 Prozent der Betroffenen, je nach erlebtem Trauma.
BZ: Gibt es bei den Reaktionen einen markanten Unterschied zwischen unbeteiligten Passanten und etwa Polizisten oder professionellen Helfern?
Middendorf: Von Menschen, die bei Rettungsdiensten oder der Polizei arbeiten, weiß man, dass sie in der Regel nicht so in Gefahr sind wie andere, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Aber auch sie können natürlich nach einem Trauma eine solche Störung erleiden. Letztlich haben diese Berufsgruppen sogar das höhere Risiko, weil sie solchen Gefahrensituationen häufiger ausgesetzt sind.
BZ: Wie sieht das etwa für einen Polizisten aus, der weiß, dass er die tödlichen Schüsse auf einen Täter abgegeben hat?
Middendorf: Das hängt sehr individuell von der Persönlichkeit dieses Menschen ab. Es ist ja etwas, was er im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit gemacht hat. Er wurde bei seiner Ausbildung auf eine solche Situation vorbereitet. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass er das verarbeiten kann. Das hängt auch von seinem persönlichen Background und seiner Entwicklung ab.
BZ: Wie lange dauert erfahrungsgemäß ein akutes Trauma, wie etwa nach einem Amoklauf, und ab wann sprechen Sie von einer posttraumatischen Störung?
Middendorf: In den ersten Wochen nach einem solchen Ereignis ist es ganz normal, wenn Menschen entsprechende psychische Reaktionen haben. Hält die Problematik aber an und entstehen bestimmte Symptome wie Schlaflosigkeit oder dass der Betroffene sich stark zurückzieht oder dass er sogenannte Rückerinnerungen in Form von Flashbacks hat, die über Monate anhalten, dann spricht man von einer PTSD, von einer posttraumatischen Störung. In diesem Fall sollte man dem Menschen entsprechende Hilfe zukommen lassen.
BZ: Wie sieht eine solche Hilfe aus?
Middendorf: Es geht unter Umständen ambulant. Es kann aber auch sein, dass ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik notwendig wird.
Autor: fes
