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07. Februar 2012
Biografisches auf der Bühne
LEUTE IN LÖRRACH: Die in Lörrach lebende Tanzdramaturgin Eva Gruner macht Theater mit Profis und Laien.
LÖRRACH. Eva Gruner studierte "Kulturwissenschaft und ästhetische Praxis" an der Universität Hildesheim. Sie arbeitete als Theaterpädagogin und stellvertretende künstlerische Leiterin am freien Theater "STiC-er" in Stralsund. Von 2002 bis 2007 arbeitete sie als Tanzdramaturgin, Tanzpädagogin und Regisseurin am Stadttheater Hildesheim. Seit 2007 lebt sie mit ihrer Familie als freischaffende Regisseurin, Choreographin und Theaterpädagogin in Lörrach.
Irgendwas soll kommen, so viel hatte Eva Gruner nach fünf Jahren Lörrach und vier Jahren Regisseurin der Theatergruppe Vitamin.T. in Basel verstanden. Zum ersten Mal wollte sie mit ihrer Theatergruppe aus ambitionierten Laien und ausgebildeten Schauspielern ein Stück in Schweizerdeutsch aufführen, sie mag Sprache. Und sie mag es, wenn die Schweizer Schauspieler Schweizerdeutsch reden und dadurch ihre Authentizität gewinnt. Ja, die Menschen würden sich gar nicht verändern, wenn sie in ihrer Sprache sprechen dürften. "’s chunnt" also. Oder besser: "’s isch chu" Die Produktion "’s chunnt" war die Jahresproduktion des vergangenen Jahres und für Eva Gruner sicher der Höhepunkt.Werbung
Ein Gewitter kam. Das Thema Gewitter, die Schwüle davor, die reinigende Kraft desselben, die losgelassene Energie, all das fand Eva Gruner höchst inspirierend, und weil jeder eine ganz persönliche Beziehung zum Gewitter hegt, war ihre ursprüngliche Idee gewesen, sich dem Gewitter vielleicht gar biographisch zu nähern. Sie liebt den biographischen Ansatz beim Theaterspielen. Doch ihre Schauspieler wollten nicht. Sie steuerten zwar persönliche Erlebnisse bei, doch für die Tanzdramaturgin waren diese nur Einstiege. "Ich sehe immer Bilder", sagt Eva Gruner, "die ich weiterentwickle und die sich dann zu einer Geschichte verwandeln." Es sind immer ganz persönliche Ansätze, mit denen sie sich neuen Stoffen nähert. Wie hier ihre Bilder, die sie zu szenischem Leben erwecken will.
Oder wie zum Beispiel bei ihrer letzten Produktion für das Lörracher Theater Tempus fugit, als sie Fallgeschichten der Ensemblemitglieder zum Stoff fürs Theater werden lässt. "Fiel einfach um" hieß jene Produktion der generationenübergreifenden Theatergruppe. Jeder weiß von unvergesslichen Stürzen in seinem Leben, und daraus sollte ein Stoff entstehen. Da Stürze immer lebensbedrohlicher werden, je älter ein Mensch ist, ließ sich hier eine ganz gute Brücke finden von jung zu alt, von "noch einmal davongekommen bis zur Sturzprophylaxe, um Schlimmes zu vermeiden". Aus dieser einen, ganz bestimmten Situation heraus entwickelte Eva Gruner dann eine ganze Produktion.
Zufällig hätten sich jetzt zwei biographische Ansätze gepaart, meint die Tanzdramaturgin. Sie sehe sich aber nicht als Verfechterin des biographischen Theaters, obwohl sie es sehr mag. Beim zweiten Mal sei ihr Vorschlag von der Gruppe ja auch gar nicht angenommen worden. Was das Stück deshalb nicht weniger authentisch macht. Überhaupt geht etwas Echtes von Eva Gruner aus, fast will man wahrhaftig sagen, wenn das nicht so pathetisch klänge. Diese Ausstrahlung erleichtert es ihr gewiss, ihre Schauspieler zu führen.
"Ich komme vom Tanz. Seit ich vier Jahre alt bin, habe ich getanzt", erzählt sie. Sie war für fünf Jahre Tanzdramaturgin am Theater Hildesheim, bis dieses mit dem Theater Hannover fusionierte und die Tanzsparte wegfiel. Eva Gruner weiß also um die Wirkung des Körpers als künstlerisches Ausdrucksmittel. "Manchmal braucht es nur eine andere Kopfhaltung und schon geht vom Menschen eine ganz andere Wirkung aus", weiß sie.
Auch in Hildesheim hatte sie viel auf lokale Ereignisse auf städtische Besonderheiten reagiert, das Vorhandene in eine ästhetische Form gebracht. "Es war eine tolle Zeit", schwärmt Eva Gruner von ihrer Zusammenarbeit mit dem Ballettmeister Carlos Matos aus Portugal. "Ich kam vom Amateurtheater aus Stralsund, auch er hatte noch nie als leitender Ballettdirektor gearbeitet, und so war für uns beide alles neu."
Die energiegeladene Atmosphäre, bevor ein Gewitter niederkommt, ist Eva Gruner durchaus verwandt. Kraft und Konzentration weiß sie zu bündeln, um sie dann einzusetzen, wenn sie braucht. Hochschwanger sei sie gewesen, als sie vor fünf Jahren nach Lörrach kam, erinnert sie sich. Als sie mit dem dicken Bauch vor ihrem Berater im Arbeitsamt saß, von ihren Plänen als selbstständige Dramaturgin erzählte, sei dieser kaum überrascht gewesen, seine Mutter hätte fünf Kinder gehabt, und auch sie sei selbstständig gewesen, für ihn also nichts Ungewöhnliches.
Wer in Lörrach fürs Theater arbeitet, stößt unweigerlich auf "Tempus fugit" und Karin Maßen. Sofort hätten sie sich verstanden, hätten dieselben Vorstellungen von Theater gehabt und so sei diese Zusammenarbeit zustande gekommen, erinnert sie sich. Eva Gruner hatte nicht nur das erste Senioren- und Jugendprojekt geleitet, auch die große Produktion "Brundibar", die Kinderoper aus dem KZ, trug ihre Handschrift. Außerdem arbeitet sie auch für "Tempus fugit" in der Lehrerfortbildung.
Eva Gruner blieb auch am Basler Theater präsent, so war sie Choreographin für "Hair" und "My fair Lady", das im November eine Wiederaufnahme erlebte. "Ich hatte mit Musical gar nichts am Hut," erzählt sie. "Es war mir fremd". Das Theater Basel vertraute ihr, obwohl das Genre Neuland für sie war. Sie bedankte sich mit tollen Choreographien.
Autor: Martina David-Wenk


