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05. Februar 2015 18:12 Uhr

Lörracher Zunftabend reich an Höhepunkten

Blitzer, Poller und viel mehr

LÖRRACH. Acht Spieler, 37 Rollen. Diese Kennzahlen des Lörracher Zunftabends 2015 lassen ahnen: Es ist den Zunftmeistern um ihren Vormann Stephan Vogt viel, sehr viel eingefallen. Sie bieten ein Programm auf hohem Niveau.

  1. Tanz der Märtwiiber: Klaus Ciprian-Beha (links) und Hansi Gempp Foto: Barbara Ruda

  2. Am Poller: Hansi Gemp (Vreni Hirt), Andreas Glattacker (Gabi Schupp) Foto: Barbara Ruda

  3. Original und Bühnenfigur: OB Jörg Lutz (ganz rechts) freut sich an seinem Bühnendoppel Andreas Glattacker (links) in der Szene mit Amtsvorgängerin Gudrun Heute-Bluhm (Stephan Vogt). Foto: Barbara Ruda

  4. Fahrt im 8er-Trämli: (von links) Andreas Glattacker, Karl-Heinz Sterzel, Philipp Buser, Hansi Gempp. Foto: Barbara Ruda

Es dauert. Genau bis halb zehn. Dann steht der neue Oberbürgermeister Jörg Lutz alias Andreas Glattacker zum ersten Mal als Figur auf der Zunftabendbühne. Für Heike Geitlinger, die tolle Masken auf die Bühne schickt (etwa Glattacker als Gabi Schupp, das bankraubende Rentnertrio oder König und Narr), ist das neue Stadtoberhaupt keine Herausforderung. Das Original sitzt im barocken Outfit ein paar Meter entfernt und amüsiert sich über sein Bühnen-Double. Ein Thema unter vielen. Der lokale Zunftabendstoff liegt in Lörrach auf der Straße. Blitzer und Poller werden närrisch deutlich kommentiert ("Mit uns nit!") oder gerinnen in der reinen Lust am Wortwitz zu höherem Blödsinn – von P(B)öller über Polleroid und Pollerflug zu Pollerzei. Beifall und Lachen zeigen den Akteuren: Das sieht man im Saal wohl mehrheitlich auch so oder findet die Persiflage toll. So ist das am Zunftabend: Man muss nicht jede Aussage teilen, kann sich aber an der gelungenen Machart begeistern.

Treffsicherer Umgang mit einem schwierigen Thema

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Das Premierenpublikum in der Alten Halle lässt sich nach den Vorworten von Oberzunftmeister Vogt, Protektorin Monica Rexrodt und Gildenmeister Michael Lindemer sofort mitnehmen. Die Szenen spielen vor neuen Kulissen (Hanspeter Goldian mit leichtem Strich). Es geht Schlag auf Schlag: Jürgen Nef (Sterzel) wird als Lörracher "Straßenclown" für überflüssige Blitzer, unverständliche Verkehrsführungen und unsinnige Poller verantwortlich gemacht, als "Straßenpapst" gewürdigt und in den Ruhestand verabschiedet. Ein ungleiches Rentnertrio (hier glänzen wie später auch in anderen Rollen die Jung-Zunftis Philipp Buser und Christoph Schuldt) versucht die Rente, die "nine hilängt", mit Bankraub aufzubessern. Stephan Vogt als träge gewordener König und sein Hofnarr Heiner (Philipp Buser), der ihm angesichts des Flüchtlingselends drunten im Tal die Leviten liest, bieten einen großartigen Höhepunkt des Abends. Da halten die Narren den Leuten den Spiegel vor: heiter-hintergründig, treffsicher beim schwierigen Thema und wunderbar in Szene gesetzt. Das Publikum lässt sich spürbar beeindrucken. Anderswo hätten die Akteure mindestens zwei, drei Vorhänge bekommen.

Hier wechselt die Szene rasch von Burg Rötteln ins Rathausfoyer, wo die Personalratsvorsitzende Claudia Sambale-Lebus (eine ganz neue Zunftabendfigur) OB Lutz städtische Mitarbeiter näherbringt. Die neue Männerherrschaft an der Stadtspitze hat’s aus Narrensicht noch schwer, das Frauenregiment abzuschütteln, denn Ex-OB Gudrun Heute-Bluhm (Stephan Vogt nochmal als ihr Alter Zunft-Ego) versucht, den Kurs noch (mit) zu bestimmen.

Über die Zunftabendbühne rumpelt das 8er-Trämli

Noch länger als der OB müssen die Weiler warten, bis sie drankommen. Und dann werden sie sanft gestreichelt. Aber es kommt ja noch die Ratssuppe am Rosenmontag. Über die Zunftabendbühne rumpelt das 8er-Trämli mit bunter Gästeschar und Chauffeur/Schaffner Claus Ciprian-Beha, der auch als Ansager Witz und Wampe (selbstironisch) beherrscht. Die Zunftmeister verlängern das Trämli kurzerhand nach Lörrach. Kulturkritische Seitenhiebe Richtung Burghof gibt’s in einer Campingplatz-Szene, in der Comedy und "Komedi" eine geglückte Liaison eingehen und auch der Oranje-Camper nicht fehlt. Zu großer Form laufen die Märtwiiber (Ciprian-Beha, Gempp) auf und geben manch stadtbekanntem Kunden neben "Nüsslesalat un Krumbiere" ein paar deftige verbale Watschen mit.

Da die Weiler geschont werden, wird die Schweizer Zielscheibe umso mehr beschossen. Im Recyclinghof nimmt die singende Müllcrew die Eidgenossen nicht nur als Sammler grüner Zettel aufs Korn, sondern als Mülltouristen: "Die Basler bringen den Müll im Pkw zu uns und wir fahren ihn im Lkw wieder nach Basel."

Spontane Improvisationskunst

Acht Mann in 37 (Frauen-)Rollen: Stephan Vogt, Andreas Glattacker, Karl-Heinz Sterzel, Hansi Gempp (beide führen auch Regie), Klaus Ciprian-Beha, Ralf Buser, Philipp Buser und Christoph Schuldt, musikalisch bestens geführt von Rolf Hauser, dessen Nightshadows als Zunftabendband agieren, lassen jeden auf seine Kosten kommen, indem sie pointiert-angriffige Narrenkritik, kalauernden Verbalklamauk und komödiantische Spiel- und Singfreude verbinden. Mit spontanem Szenenapplaus bedachter Improvisationskunst überspielen die Zunftmeister einige Hänger in der Premiere und beziehen Souffleuse Ellen Quercher mit ein. Für Bühnenbild, Requisiten und Beleuchtung sorgen Hans-Werner Schuldt, Lukas Gussenmeyer und Andreas Kühn. Die Zundelgirls machen tanzend große Freude und am Premierenabend ist der Stadtspielmannszug die klingende Gastformation.

Der Zunftabend 2015 ist ein tolles Gesamtpaket, auch wenn der Schlussnummer am Ende ein wenig die Luft ausgeht. Aber: Wer ein Pokalfinale 5:1 gewinnt, muss sich nicht grämen, weil er nicht zwei Tore mehr geschossen hat.

Mehr Bilder von der Zunftabendpremiere online in einem Fotoalbum unter http://mehr.bz/zunftabend2015

Autor: Nikolaus Trenz