Gesicht der Woche

Bundestags-Nachrücker Gerhard Zickenheiner: Hammelsprung statt Ziegenstall

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 16. September 2018

Kreis Lörrach

Atemlos in den Bundestag: Als der grüne Landtagsabgeordnete Josha Frey zum Telefon griff, hatte der Lörracher Architekt Gerhard Zickenheiner gerade den Gipfel erreicht. Den Gipfel des Zeller Blauens, und er war völlig außer Puste. "Ich wäre fast umgefallen." Immerhin hatte Parteifreund Frey eine überraschende Nachricht: Ab Januar sitzt Zickenheiner für die Grünen im Bundestag. Damit hat Südbaden nach Kerstin Andreae nun einen zweiten Vertreter in Berlin. Auf Platz 13 der Landesliste war Politik-Neuling Zickenheiner, der seit 2014 im Lörracher Kreistag sitzt, 2017 ganz knapp am Einzug in den Bundestag gescheitert. Nun hat der Mannheimer Finanzexperte Gerhard die "Bürgerbewegung Finanzwende" gegründet und steigt aus der Politik aus. Der verblüffte Lörracher ist nun als erster Nachrücker zum Zuge gekommen. Dass er von dieser Nachricht ausgerechnet am Zeller Blauen erfahren hatte, ist nur ein bisschen Zufall: Gemeinsam mit seiner Frau baut er dort die St. Bernhardshütte zu einer Ziegenfarm um, die ersten Tiere sind schon aus St. Märgen umgezogen – in sechs Wochen wollte Zickenheiner nachfolgen. Nun heißt es Abstimmen per Hammelsprung statt Ausmisten im Ziegenstall. "Das ändert alles, ich war zunächst schon erschrocken." Doch auch wenn die gemeinsame Lebensplanung nun völlig über den Haufen geworfen wird, habe er keine Sekunde über eine Absage nachgedacht. "Das war ja, was ich im Herbst wollte, und ich freue mich riesig auf die Aufgabe." Einbringen möchte er, wie er schon im Wahlkampf erklärte, seine Kompetenz bei den Themen Wohnen, Bauen, ländlicher Raum und Mobilität – und mit Freude nimmt er zur Kenntnis, dass das Thema Wohnen auf der politischen Agenda ganz nach oben gerutscht ist. Auch bei den Grünen, für die es mit Konflikten in ihrer ökologischen Seele verbunden ist. Schon jetzt ist Zickenheiner Mitglied der parteiinternen Arbeitsgruppe Bauen, Planen, Wohnen, die sich prompt kommende Woche in Berlin trifft. Dass passt doppelt, denn Zickenheiner muss in der Hauptstadt Wohnraum suchen. Für sich selbst und seine Frau, die mit ihm zwischen Lörrach, Berlin und ihrem Hof in St. Märgen pendeln wird. Die Ziegenvorhut kommt dann wohl wieder dorthin zurück und die Hütte am Blauen wird vielleicht verpachtet. René Zipperlen