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23. Mai 2015

Das Free Cinema wird freier

Filme nun digital / Auswahl früher und flexibler.

  1. Unter Anleitung von Tobias Gubsch wird an dem neuen Rechner eine Playlist erstellt. Foto: Barbara Ruda

LÖRRACH. Nach der Renovierung der Bar im Obergeschoss hat das junge Free Cinema-Team mit der Digitalisierung der Technik gerade den zweiten großen Schritt Richtung Zukunft gemacht. Seit Januar 2014 ist die große Filmrolle ausgestorben und mit ihr die 35 Millimeter-Kopie. Und weil das vorentwickelte digitale Produkt 40 000 Euro kostet, konnten alternative Kinos seitdem Filme nur mittels Blue-ray-Kopie zeigen, und das erst, wenn die Filme auch im Verkauf erhältlich sind. Diese Woche endet diese Phase für das Free Cinema.

Die neue Technik auf Basis einer DCP-Festplatte (digital cinema package), mittels derer nun auch im Flachsländer Hof die Streifen abgespielt werden, wurde vom Programmierer Stefan Wein des Leipziger Vereins Cinemathek entwickelt. Er ist so etwas wie der gute Geist der kleinen Kinos, weil er sich gegen die Marktmacht der großen amerikanischen Produzenten durchgesetzt hat.

Alleine hätte das Free Cinema-Team diese Technik nicht installieren können. Deshalb schrieb Simon Pfleiderer das Kunstbauer Kino in Großhennersdorf (Ostsachsen) an, das bei der Digitalisierung vor ähnlichen Problemen stand wie die Lörracher und auf seiner Webseite Hilfe anbot. Denn einer der Ihren, Tobias Gubsch hat sich in den vergangenen drei Jahren in Leipzig unter Anleitung von Stefan Wein in die Alternative zur teureren Variante von DCI hereingearbeitet. "Wir sprechen uns ab", berichtet Gubsch, der am Montag in Lörrach eintraf, um zu helfen. "Unsere Idee ist es, kleinere Kinos in die Lage zu versetzen, digitale Filme zu zeigen." Das ist diese Woche im Free Cinema geschehen. In dem Kabäuschen hinter dem Zuschauerraum hat ein Rechner den Platz eingenommen, an dem früher der Projektor stand.

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Dieser Rechner hat, so erklärt Tobias Gubsch, eine eindeutige Identifikationsnummer, auch Server-Zertifikat genannt, an die der Schlüssel zum Freischalten der Filme angepasst wird. Das sogenannte A-Cinema erfülle zwar nicht alle Kriterien des teuren D-Cinemas, das sei den kleinen Kinos durchaus bewusst, aber auch sie lieben Kino und Publikum und versuchen, das Bestmögliche zu bieten. Kernstück des Ganzen ist eine vom Fraunhofer Institut entwickelte Schnittstelle. Die einsetzen zu dürfen, kostet eine einmalige Lizenzgebühr. Die beträgt für ehrenamtliche Vereine allerdings nur die Hälfte, aber immer noch 1500 Euro. Das A-Cinema-System wird zwar von den Großen (Warner, Fox, Disney, Sony und Universal) nicht anerkannt, doch alle kleinere Verleihe in Deutschland tun dies, und genau die haben die besonderen Filme im Programm, die auch das Free Cinema zeigt. "Das war ein langer Kampf", blickt Tobias Gubsch zurück.

Neben der Lizenzgebühr kostete die Digitalisierung das Free Cinema mit Rechner und Zubehör etwa 2800 Euro. Für die neue Technik braucht es pro Woche einen Helfer mehr im Einsatz, der die Vorarbeit macht. Denn jetzt kommt der Film auf einer Festplatte und muss auf den Rechner aufgespielt werden. Bei 120 Gigabyte kostet das einige Zeit. Außer der freieren Filmauswahl gibt es einen weiteren Vorteil. "Wir können jetzt vor dem Film Trailer zeigen – keine kommerzielle Werbung, die wollen wir nicht –, aber zum Beispiel Mitgliederwerbung oder Vorschau auf kommende Filme", erläutert Mira Ewert und strahlt: "Schön, dass wir jetzt aktueller sind und wohl alle Streifen, die wir aussuchen, auch bekommen." "Wir freuen uns jetzt echt drauf, das ist ein guter, wichtiger Schritt", fügt Anna Fahrnländer hinzu. Tobias Gubs spendet den jungen Lörracher Kollegen noch ein dickes Lob: "Ich finde es mutig, was die hier als Jugendliche alles auf die Beine stellen. Das hätte ich mir in ihrem Alter nicht getraut." Man sei sehr unbedarft an die Sache herangegangen, antwortet Simon Pfleiderer. "Eigentlich hatten wir gar keine andere Wahl. Ohne Digitalisierung wären wir untergegangen."

Vom 12. bis 14. Juni veranstaltet das Free Cinema sein "Kino im Hof". Neu ist nicht bloß die digitale Technik, sondern auch ein musikalisches Vorprogramm mit lokalen Newcomerbands. Das Filmprogramm wird in Kürze bekanntgegeben.

Autor: Barbara Ruda