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24. November 2011

Das Wandern ist eines Duos Lust

Aber auch der augenzwinkernde Blick darauf / Mitautor Matthias Kehle las in der Stadtbibliothek aus der "Wanderbibel".

  1. Wanderbibel-Autor Matthias Kehle in der Lörracher Stadtbibliothek. Foto: Claudia Gabler 

LÖRRACH. Er sei ein Dreitausender-Junkie, gesteht Matthias Kehle – und diese Sucht nimmt man dem kleinen drahtigen Mann, der Gipfel sammelt wie andere Briefmarken, gerne ab. Jetzt, da die Tage kurz werden und die Saure-Gurken-Zeit für die Wanderburschen beginnt, geht der Karlsruher Journalist und Autor besonders gern auf Lesetour und stellt die "Wanderbibel" vor, die er mit Mario Ludwig zusammen geschrieben hat. Am Dienstag las er in der Stadtbibliothek daraus.

Mehr als hunderttausend Höhenmeter und 55 bezwungene Berggipfel: Das ist die Bilanz von Matthias Kehle in diesem Jahr. Immer an seiner Seite: seine Frau Anja. Auch Kehles Co-Autor Ludwig (ebenfalls aus Karlsruhe) hat eine Ehefrau, die seine Leidenschaft teilt. In ihrer beim Heyne-Verlag erschienenen "Wanderbibel" ziehen die beiden Karlsruher Bilanz ihrer letzten Wanderjahre, die das fröhliche Quartett wohl zumindest zu einem Viertel auf Bergen verbracht hat. Dieser zu einem Buch mit 24 Kapiteln zusammengetragene Erfahrungsbericht sammelt Komisches und Skurriles, Alt-Bekanntes und Neues, und ist immer vor allem eins, nämlich politisch inkorrekt.

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Um die Aufrechterhaltung filmisch und literarisch vermittelter Hüttenromantik und um den Mythos des Wanderns als harmonische Gruppenbewegung geht es Kehle und Ludwig nicht. Sie wollen im Gegenteil das Image vom Wandern als individuelles Naturerlebnis und das Bild vom friedlich-romantischen Miteinander auf ausgetretenen Waldwegen und in Massenbettlagern aufbrechen und den Wanderern und der um sie wachsenden Tourismus- und Ausrüstungsindustrie den Spiegel vorhalten. "Wir möchten in unserem Band beides sein, unterhaltsam und kritisch", sagte Kehle am Dienstag – und stellte unter Beweis, dass diese Mischung gelingt und ein kurzweiliges Leseerlebnis mit vielen Aha-Momenten und Lachern garantiert.

Im Kapitel "Little Shop of Horrors. Ein Besuch beim Outdoor-Ausrüster" etwa zeigen die Autoren die Absurdität des immer größer werdenden Anspruchs an die perfekt sitzende und funktionierende, Wind abweisende, atmungsaktive und schnell den Schweiß trocknende Kleidung auf und die damit gekoppelte Bereitschaft des Neu-Wanderers, für diesen Hightech-Start in die ursprünglichste aller Körperertüchtigungen ganze Monatsgehälter auszugeben. Schuhe und Rucksack müssten tatsächlich Profiware sein, konstatierte Kehle in der Stadtbibliothek, ansonsten wandere er gerne in T-Shirt und abgeschnittenen Jeans. Doch die Karlsruher erklären nicht nur die Schöffel- und Mammut-Jünger, die rücksichtslosen Mountainbiker und die laut telefonierenden Wanderdilettanten aus Italien zu ihren Feinde. Sondern auch sich selbst, die sie ja Teil sind des leistungsorientierten Massenansturms auf die wehrlose Natur, die längst keine Ruhe mehr hat vor Männern und Frauen in Mammut-Hosen, in Jeanshosen, mit und ohne Trekkingstöcke, mit und ohne Schuhe (Barfußwanderer), mit und ohne Kleidung überhaupt (Nacktwanderer). Da zeigt sich: Das Wandern ist eine ernste, aber auch eine sehr komische Sache – bei der man vor allem eines nicht machten sollte, sie nämlich allzu ernst zu nehmen.

Autor: Claudia Gabler